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Alter und Vitalität: Die Kraft unserer Vorstellung
Von Sylvia Bieber
»Ich will gesund alt werden« ist der Wahlspruch einer meiner besten Freunde. Und recht hat er. Warum die Pflegekassen plündern und die Familienangehörigen strapazieren, wenn es auch anders geht.
Doch Fitneß und gesunde Ernährung ist zu wenig. Es geht um mehr. Gesundheit ist nicht nur ein gut funktionierender Körper, den man im Fitneßstudio in Schuß halten kann. In allen hochentwickelten Kulturen der Geschichte spielte der Geist (die Psyche mit Verstand und Gefühlen) und die Seele im Verständnis von Gesundheit eine gleichbedeutende Rolle. Auch heute noch sind aus Sicht der traditionellen indischen und chinesischen Gesundheitssysteme Körper, Geist und Seele eine unteilbare Einheit.
Die Grundlagen für unser Wohlbefinden im Alter werden bereits in jungen Jahren gelegt. Ein großer Naturarzt unserer Tage sagte kürzlich: »Es gibt keine Alterskrankheiten, sondern lediglich Jugendsünden«. Und diese werden in der heutigen Zeit in großem Maße begangen: Hektik im Alltag, falsche Ernährung, Schlafdefizit, Rauchen, Alkohol. Doch neben diesen »äußeren« Sünden begehen wir auch »innere«. Unser Denken und unsere Einstellung über Beschwerden und Defizite im Alter sind erheblich mitverantwortlich für deren Eintreten.
Wer kennt sie nicht, Sprüche wie »mit vierzig fangen die Wehwehchen an« oder »ab fünfzig geht´s nur noch bergab«. Und auch wenn anfangs nur spaßhaft gealbert wird, ein Teil von uns glaubt daran und wartet entsprechend auf die ersten Zeichen. Und wer es schafft, sein Denken davon frei zu halten und sich gegen solche Sätze zu verwahren, hört vielleicht so etwas wie »komm du nur erst mal in mein Alter, dann…«
Was machen wir mit uns, wenn wir uns auf diese hypnotischen Konzepte für das Älterwerden einlassen?
Jeder Mensch entwickelt laufend innere Bilder. Vielfach bleiben diese Vorstellungsbilder unbewußt, obwohl sie auch im Alltag unser Denken und Handeln leiten.
Weißt Du, wie viele Bilder in Deinem Wohnzimmer hängen? Um diese Frage zu beantworten, wirst Du vermutlich eine Erinnerungsvorstellung abrufen, meist ist das ein Bild, um in Deiner Vorstellung die Bilder konkret zu zählen.
Der Begriff Vorstellungskraft bezieht sich nun tatsächlich auf eine psychische Kraft, die ganz konkrete physiologische Auswirkung hat. So hat etwa Edmund Jacobsen Ende der 20er Jahre gezeigt, daß der intensive Gedanke an eine bestimmte Körperbewegung die dazugehörigen Nervenzellen aktiviert. Entspannende Bilder bewirken eine Entspannung der Muskeln. Die Vorstellung, ein Gewicht zu heben, bewirkt hingegen Muskelanspannung.
Für die psychische Entwicklung ist es daher nicht gleichgültig, welche inneren Bilder wir erzeugen. Wenn wir negative Vorstellungsbilder (Krankheit, Siechtum, Schmerzen) vor Augen haben, werden wir merken, wie sie uns niederdrücken und uns in unserer Handlungsfähigkeit einschränken. Ja, wie sie regelrecht diese vorgestellten Situationen anziehen.
Positive Vorstellungen bauen uns hingegen auf und erweitern unsere Möglichkeiten. Das kannst Du selbst erproben, wenn Du intensiv an eine negative Situation denkst, etwa an ein unangenehmes Ereignis, einen Streit, einen Unfall, ein persönliches Versagen:
Spüre in Dich hinein, beobachte Deine Körperhaltung, Deine Atmung, Deine Gefühle. Lasse diese Bilder nun ganz bewußt in den Hintergrund treten.
Denke jetzt an eine erfreuliche Situation, vielleicht an einen schönen Urlaubstag, einen Besuch Deiner Lieben, einen traumhaften Sonnenuntergang. Beobachten nun wieder genau, deine Körperhaltung, deine Atmung, deine Gefühle.
Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken, denn alles in unserem Leben beginnt mit einem Gedanken. Aus unseren Gedanken entspringt die bildhafte Vorstellung und daraus der Antrieb zum Handeln. Also, warum sich diese Kraft nicht nutzbar machen? Lassen wir sie für uns und nicht gegen uns arbeiten!
»Unser normales Wachbewußtsein, das gewöhnliche oder rationale Bewußtsein, ist nur eine spezielle Art unseres Bewußtseins, während jenseits davon, durch eine hauchdünne Schicht getrennt, alle möglichen Bewußtseinsebenen existieren, die völlig andersartig sind. Wir können durch das Leben gehen, ohne ihre Existenz zu bemerken; aber die richtigen Reize oder die entsprechende Berührung vorausgesetzt, tauchen sie plötzlich auf. Keine Betrachtung des Universums, die diese anderen Bewußtseinsebenen ignoriert, kann vollständig genannt werden.« (William James) In eine dieser anderen Bewußtseinsebenen einzutauchen, nämlich in unsere Bilderwelt, in unsere Visionen, ist es wichtig, zu entspannen. Dieser gelöste und schwebende Zustand, den wir manchmal auch kurz vor dem Einschlafen bewußt wahrnehmen, erleichtert es uns, Träume entstehen zu lassen, Lösungen für Probleme zu finden oder auch unserer Phantasie Flügel wachsen zu lassen.
Eine solche wirkungsvolle geistige Stille läßt sich erzeugen, indem die Sinne gedämpft werden. Wirksame Methoden, diese tiefe Ruhe zu erlangen sind etwa Meditation, Autogenes Training oder Yoga. In meiner Praxis nehme ich Mentalsysteme, die über optische und akustische Stimulationen wirken, zu Hilfe:
Stelle Dir vor, Du schaust in ein flackerndes Kamin- oder Lagerfeuer. Was löst das in Dir aus? Bist Du jemals mit der Eisenbahn längere Strecken gefahren? Kannst Du Dich noch an das regelmäßige Rumpeln der Räder erinnern, wenn diese über Schwellen fuhren, und an das schläfrige Gefühl dabei? Das Wissen um diese Empfindungen bei optischen und akustischen Vorgaben hat sich die Technik zu nutze gemacht. Blinkendes Licht in einer Visualisierungsbrille und akustische Impulse im Kopfhörer bewirken die tiefe Entspannung.
Bestimmte Merkmale kennzeichnen praktisch alle Zustände von verändertem Bewußtsein, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wurden. Dazu gehört eine herabgesetzte Selbstwahrnehmung, vielleicht sogar ein Nachlassen der Fähigkeit, zwischen sich selbst und anderen Personen oder Gegenständen zu unterscheiden. Ferner ein verzerrtes Zeitgefühl, das Unterbewußtsein ist aktiver als das Bewußtsein. Diese Zustände können wir nutzen, um mit Hilfe unserer Vorstellung unsere Gegenwart zu erschaffen.
Schon Georg Bernard Shaw sagte: »Die Vorstellungskraft ist der Anfang der Schöpfung. Man stellt sich vor, was man will; man will, was man sich vorstellt; und am Ende erschafft man, was man will.« Jeder von uns ist schon einmal »auf den Flügeln der Phantasie« gereist, sei es in Tagträumen oder beim Lesen eines spannenden Buches. Phantasiereisen führen uns in unsere inneren Bilder und bringen uns in Kontakt mit unseren Vorstellungen und unserem Unterbewußtsein. Auftauchende Bilder, Töne und Empfindungen eröffnen uns neue Sichtweisen und geben uns Perspektiven für das Handeln in der Außenwelt.
Die Phantasie gibt uns den Schlüssel für die Lösung von Problemen und ermöglicht es, uns kreativ und schöpferisch auszudrücken. Sie ist die treibende Kraft, um unsere Realität zu beeinflussen. Das was wir denken und wie wir denken, hat Einfluß darauf, wie und was wir wahrnehmen, welche Erfahrungen wir machen und welche Bedeutung wir diesen Erfahrungen beimessen.
Aus diesem Grund können wir mit Phantasiereisen arbeiten, um unser Potential, unsere Kräfte aktiv zu nutzen. Wir können innere Programme aktivieren und/oder verändern. Mit unserer Phantasie schaffen wir innere Realitäten. Wir sind die Erzeuger unserer Ideen, Gedanken und Überzeugungen. Wir bestimmen selbst, ob wir uns in negativen Bildern, Tönen, Empfindungen aalen, oder ob wir positive, uns unterstützende Bilder, Ideen, Gedanken und Gefühle kreieren. In unserer Phantasie ist alles möglich. Wir können erfinden und erschaffen, was immer wir uns wünschen. Wir können in diesen Welten spazieren gehen, anderen begegnen, Lösungen finden, Freude, Liebe und Ekstase erleben, uns neue Verhaltensweisen aneignen, unsere Identität verändern und neue Werte und Überzeugungen entwickeln. Wir können in Gesundheit und Aktivität unser Alter erleben, einfach »so tun, als ob« und damit Schranken niederreißen und neue Möglichkeiten schaffen.
Die Fähigkeit, sich neue Vorstellungsbilder zu erschaffen, nennt man Vorstellungskraft. Eine »Phantasiereise« ist demnach eine Reise in die Welt unserer Vorstellungen, im Gegensatz zu den Wahrnehmungen der Außenwelt. Sehr häufig wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff Imagination (Imago: Bildnis, Abbild, Vorstellung) verwendet. Imagination bedeutet »Einbildungskraft«, die Fähigkeit, sich abwesende Gegenstände, Personen, Situationen oder Zustände in Form von Vorstellungen zu vergegenwärtigen.
In der Psychotherapie wird heute die Arbeit mit Vorstellungsbildern in den unterschiedlichsten Richtungen angewendet, etwa im »Katathymen Bilderleben« oder in der »Synergetik-Therapie«.
Über den Bereich von Therapie und Selbsterfahrung hinaus wurden Vorstellungsübungen erfolgreich im Sport erprobt, ebenso in der Wirtschaft, der Berufsausbildung und in der Medizin. Man spricht hier meist von mentalem Training, bei dem man sich einen erwünschten, idealen Zustand in der Phantasie vorstellt. So visualisieren etwa Sportler einen optimalen Bewegungsablauf ihrer Disziplin, was nachweislich einen positiven Effekt auf die Leistung in der Realität hat. Auch Piloten trainieren bestimmte Bewegungsabläufe (etwa bei Landemanövern) in der Vorstellung, ehe sie weitere praktische Erfahrungen machen.
In der Medizin sind heute auch »Heilmeditationen« wie sie etwas Krebskranke zur Stärkung ihrer Abwehrkräfte üben, anerkannte Anwendungsmöglichkeiten positiver Vorstellungsbilder.
Unsere gezielten oder auch unbewußten Vorstellungsbilder haben extreme Konsequenzen auf unser Verhalten und unsere Körperchemie. Vorstellungen können stärker sein, als »tatsächliche« Erlebnisse. Der Philosoph Epitet sagte schon vor 2000 Jahren: »Es sind weniger die Ereignisse, die den Menschen beunruhigen, als vielmehr die Vorstellungen, die er sich von diesem Ereignis macht«.
Lasse uns diese Worte an einem ganz harmlosen Beispiel demonstrieren: Stelle Dir eine aufgeschnittene Zitrone vor, ihre Farbe, ihre Form. Nimm die Zitrone in die Hand, spüre die Beschaffenheit der Oberfläche, stelle Dir vor, daß Du an der Zitrone riechst und nun etwas drücken, den Saft der Zitrone kosten.
Beobachte dabei, was diese Vorstellung in Deinem Körper real auslöst. Je näher, lebendiger und farbiger Bilder vor das innere Auge treten, je intensiver die Gerüche und je klarer die Geräusche wahrnehmbar sind und je extremer die Gefühle dabei mitspielen, desto schneller verwandeln sich nüchterne Worte in anziehende Visionen.
Nutze die Kraft, die Dir Deine Vorstellung bietet konstruktiv. Unser Körper reagiert auf diese Kraft, immer!
Sylvia Bieber, Tel.: 06021/53438, Fax: 921639
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