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Bert Hellinger
Was beudetet sein Ansatz für Frauen, die Gewalt erlebt haben?

Von Helga Reihl



Familienaufstellung, die Methode des Theologen Bert Hellinger hat in den letzten Jahren viel Zulauf erhalten. Seine und die zahlreichen Seminare seiner Anhänger sind gut besucht. Auch in Lübeck fand ein kürzlich gehaltener Vortrag eines Heilpraktikers, der unter anderem nach Hellinger arbeitet, große Resonanz. Angebote, an Familienaufstellungen nach Hellinger teilzunehmen, werden auch in der Lübecker Region häufiger.

Vor allem auch Vertreter sozialer Berufe begeistern sich immer mehr für das sogenannte systemische Familienstellen. Die Attraktivität des Ansatzes rührt unter anderem daher, daß in kürzester Zeit Menschen scheinbar geheilt und von ihren Problemen befreit werden. Bert Hellinger bietet schlichte, einfache Lösungen für komplexe Probleme und kurze Interventionen für lange Leidensgeschichten.

In seinen Seminaren läßt Hellinger zunächst alle Familienmitglieder durch Stellvertreter symbolisieren und von den Teilnehmer aufstellen. Intuitiv würden sich ihm dann die pathologischen Muster dieses Systems eröffnen. Er versucht nun, das System in eine »gesündere« Konstellation zu führen, indem er den Vertreter, der Familienmitglieder neue Positionen zuweist und sie bestimmte Sätze nachsprechen läßt.

Bei seinen Interventionen läßt sich Bert Hellinger immer von seinen Intuitionen leiten. Er »spürt« die Lösungen, die Wahrheiten erscheinen ihm »blitzartig«. (B. Hellinger in einem Interview, Psychologie heute 6/1995)

Sein dahinterstehendes Weltbild ist geprägt von Begriffen wie Ordnung, Ehre, Wertschätzung und Demut. Das heißt vor allem, Ordnung zwischen Mann und Frau sowie Ordnung zwischen Eltern und Kindern. Konkret meint er damit, daß die Frau dem Mann zu folgen hat und Kinder ihre Eltern bedingungslos achten müssen. Verstöße gegen diese konservative Ordnung werden laut Hellingers Erklärungsansatz mit Krankheit, Problemen und Tod bezahlt. (a.a.O.)

Welche Auswirkungen hat Hellingers Ansatz für Frauen, die als Kind oder Jugendliche sexualisierte Gewalt erlebt haben?
Die Ursachen von sexuellem Mißbrauch innerhalb von Familien sieht Hellinger in einem Ungleichgewicht von Geben und Nehmen in der Familie oder in einem Mangel an sexuellem Austausch zwischen den Eltern. Meint er bei einem Fall von sexuellem Mißbrauch, daß die Leistungen des Täters (etwa die finanzielle Versorgung der Familie durch Erwerbstätigkeit) nicht ausreichend gewürdigt wurden, reicht ihm dies als Erklärungsansatz. Der Täter versuche, mit der Tat ein vorhandenes Gefälle wieder auszugleichen. Eine andere Ursache mutmaßt er darin, daß mangelnder sexueller Austausch des Paares dazu führe, daß die Tochter sich dem Vater anböte oder die Frau dem Mann die Tochter überließe. (Weber 1993, Vowinckel 1999)

Bei derartigen Fällen verordnet Bert Hellinger der Mutter, dem Täter Anerkennung auszusprechen. Die Tochter soll den Eltern versichern, daß sie es gerne tue – für sie. (Weber 1993, Psychologie heute 6/1995)

Frauen und Mädchen, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt haben, leiden häufig Jahre oder Jahrzehnte nach den Gewalterfahrungen noch unter den Folgen. Diese reichen von Schlafstörungen und Flashbacks über Depression, Suchterkrankungen und Eßstörungen bis zu selbstverletzendem Verhalten und dem komplexen Zusammenspiel vieler Symptome in einer soggenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Die Gefühlswelt ist voller Wut, Enttäuschung, Verletzung und Aggression. Doch vor allem Schuld- und Schamgefühle sind für lange Zeit die vorherrschenden Emotionen. Häufig äußern die Mädchen und Frauen ambivalente Gefühle dem Täter gegenüber.

Hellinger mißachtet Frauen mit seinen Methoden und den dahinterstehenden Werten genau an diesen Stellen:
Er mißachtet die ambivalenten Gefühle von Opfern gegenüber den Tätern. Um die sogenannte Ordnung wieder herzustellen, soll das Opfer dem Täter nur positive Gefühle wie Ehre, Wertschätzung und Achtung entgegenbringen. Frauen und Mädchen sollen das bestehende Machtgefälle zwischen Männern und Frauen, sowie Eltern und Kindern demütig anerkennen.

Er mißachtet, daß gerade diese traditionelle, patriarchale und reaktionäre Ordnung mit dem dazugehörigen Machtgefälle jegliche Form von Machtmißbrauch, auch sexualisierte Gewalt, begünstigt.

Er mißachtet die Verantwortung des Täters. Von Gewalt betroffene Frauen werden in ihrem Erleben und ihren Erfahrungen nicht ernst genommen. Ihnen wird suggeriert, daß sie selbst Schuld an der Tat haben.

Er mißachtet das Selbstbestimmungsrecht seiner »Klientinnen«. Will eine Teilnehmerin seine Erklärungen und Interventionen nicht annehmen, wird dies als Widerstand gedeutet und eine Verlängerung des Leidens prognostiziert.

Wir halten die Methode Hellingers für einen gefährlichen Ansatz vermeintlicher Therapie. Hellinger trägt zur Aufrechterhaltung einer Ordnung bei, die selbst Ursache für Machtmißbrauch ist, er verstärkt sexistische und überkommene Annahmen über sexualisierte Gewalt und suggeriert den Frauen eine Mitschuld am Erlebten.

Besonders erschreckend ist die Tatsache, daß Hellingers Ansatz so viel unkritische Übernahme im psychosozialen Arbeitsfeld findet.

In der Bücherei des Frauennotrufes können weitere Artikel, sowie eine Literaturliste mit Titeln, die sich mit dem Ansatz Hellingers kritisch auseinandersetzen, eingesehen oder ausgeliehen werden.

Helga Reihl, Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen und Mädchen Lübeck e.V.
Tel.: 0451-750 78
www.frauennotruf-luebeck.de


Literatur:
Krüll, Marianne / Nuber, Ursula (1995):
»Wenn man den Eltern Ehre erweist, kommt etwas tief in der Seele in Ordnung«. Ein Gespräch mit Bert Hellinger über den Einfluß der Familie auf die Gesundheit und Werte und Ziele seiner umstrittenen Therapie.
In: Psychologie heute 6/1995, S. 22-26

O.V. (1995):
Unreflektiertes patriarchales Denken. Ein Gespräch mit der Familiensoziologin Marianne Krüll.
In: Psychologie heute 6/1995, S. 27

O.V. (1998):
Wie gefährlich ist Bert Hellingers Therapie?
In: Psychologie heute 4/1998

Reuter, Elisabeth N. (1999):
Mißbrauch – Über den Psychotherapeuten Hellinger und seine Gefolgschaft: Tat ohne Täter?
In: Gegenwind Nr. 127, April 1999, S. 33-35

Simon, Fritz B. / Retzer, Arnold (1995):
Das Hellinger Phänomen.
In: Psychologie heute 6/1995, S. 28-31

Vowinckel, Sigrid (1999):
Bert Hellinger unter der Lupe. Was bedeutet sein Ansatz für Frauen.
Herausgegeben von: Fetz Stuttgart, Obere Str. 2, 70190 Stuttgart

Vowinckel, Sigrid (2000):
Bert Hellinger unter der Lupe. Was bedeutet sein Ansatz für Frauen.
In: Lachesis Nr. 25, 05/2000, S.52-54

     
im Überblick
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