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Spagyrik? – Nie gehört!
Von Eva Lackner



Ganz grob gesagt beschreibt die Spagyrik Verfahren zur Arzneimittelherstellung, die auf die Lehren des Paracelsus zurückgehen. Er war zwar nicht der Begründer der Methodik, wohl aber ihr bekanntester Verfechter im Mittelalter. Die Wurzeln reichen aber bis zur hermetischen Lehre des Hermes Trismegistos im alten Ägypten zurück. Spagyrik und die hohe Kunst der Alchemie meinen das Gleiche. Seit dem Kinostart von »Harry Potter und der Stein der Weisen« kennt jeder diesen Begriff, wobei das Augenmerk eher auf Harry liegt, nicht so sehr auf dem Stein der Weisen. Was weiß man denn schon darüber? Der Stein soll alles in Gold verwandeln können und vor allem für ewige Jugend und Gesundheit sorgen.

Im berühmten Buch »Der Alchimist« von Paulo Coelho heißt es: »Das Buch, welches den Jüngling am meisten interessierte, erzählte die Geschichte der bekanntesten Alchimisten. Es waren Männer, die ihr ganzes Leben dem Reinigen von Metallen in Laboratorien gewidmet hatten; sie glaubten, dass, wenn man ein Metall während vieler Jahre erhitzte, es seine ursprünglichen Eigenschaften verlieren würde, und dass an deren Statt nur die Weltenseele zurückbliebe. Dieses eine Ganze sollte es den Alchimisten ermöglichen, alles auf der Erde zu verstehen, weil es die Sprache war, die alle Dinge miteinander verband. Sie nannten diese Entdeckung das große Werk, das aus einem flüssigen und einem festen Anteil bestand. Der Jüngling erfuhr, dass der flüssige Anteil des großen Werkes sich Elixier des langen Lebens nannte, welches alle Krankheiten heilte und dem Alchimisten das Altern ersparte. Der feste Anteil nannte sich Stein der Weisen. Der Engländer sagte: »Es ist nicht einfach, den Stein der Weisen zu entdecken. Die Alchimisten verharrten viele Jahre in den Laboratorien und sahen der Flamme zu, die die Metalle reinigte. Sie sahen so lange in die Flamme, bis nach und nach alle Eitelkeiten dieser Welt von ihnen abfielen. Dann stellten sie eines Tages fest, dass die Reinigung der Metalle auch sie selber gereinigt hatte.«

Und was sagt das Lexikon dazu? Im »Hunnius«, einem großen pharmazeutischen Wörterbuch, findet sich folgender Eintrag zur Alchimie: »… Die Araber bezeichneten mit ál-Kimia die schwarze oder ägyptische Kunst. Denn die Wiege der Alchimie ist Ägypten, wo sie aus den Tempelwerkstätten hervorgegangen ist, in denen Metalle, Edelsteine und Farben … verarbeitet und auch gefälscht wurden. Von den Ägyptern lernten die Griechen die alchimistische Praxis, von diesen die Araber, durch die schließlich die Alchimie in das Abendland gelangte. Sie wurde als »geheime« Kunst mit Mystik, Magie und philosophischen Lehren verbrämt. Die Lehre der Alchimie fußte auf der Theorie von der Möglichkeit, die Metalle in andere umzuwandeln, vor allen unedle Metalle in Gold. Dazu sollte der geheimnisvolle »Stein der Weisen« dienen, das »große Magisterium«, das »Elixier das außerdem imstande sein sollte, das Leben um viele hundert Jahre zu verlängern beziehungsweise zu verjüngen. Trotz aller Mystik sind die wahren Alchimisten keine Schwindler gewesen, sondern ernsthafte Forscher, denen die Chemie und Medizin viele grundlegende Entdeckungen verdankt (...)«

Den meisten Menschen blieb aber das Vorgehen der »schwarzen Künstler« undurchsichtig und verdächtig. Zumal die Alchimisten und sogenannten »scheidekünstigen Geheimärzte« sich geradezu ein Vergnügen daraus gemacht haben sollen, andere Mediziner mit dunklen und irreführenden Bezeichnungen zum Narren zu halten. Deswegen taufte Paracelsus seine Arbeit in Spagyrik um. Der Begriff leitet sich von zwei griechischen Wörtern her: spao = trennen und ageirein = zusammenfügen. Er wollte mit dieser Unterscheidung klarmachen, dass er sich mit der Herstellung von Heilmitteln befasste, nicht mit der »Goldmacherkunst«. Unter der »ars spagyrica« wollte Paracelsus die Kunst verstanden wissen, mit deren Hilfe das Wertvolle vom Unreinen zu trennen war. Danach fügte man die erhaltenen reinen Substanzen wieder zusammen, um Arzneimittel mit erhöhter Wirksamkeit zu erhalten. Und so lautet Paracelsus Rat an werdende Ärzte seiner Zeit: »… darum so lern Achimian, die sonst Spagyria heißt, die lehrt das Falsch scheiden vom Gerechten …« Für ihn war nur der Arzt, der seine eigenen Heilmittel herstellen und verstehen konnte. Solche Mittel, die schwierig und aufwendig hergestellt wurden, nahmen in damaligen Schriften breiten Raum ein und waren unter dem Namen Arcanum (das heißt Geheimnis) bekannt.

Zur Zeit der französischen Revolution und der Aufklärung kam die Alchimie aus der Mode. Aber seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen in Deutschland einige Männer wie Carl Friedrich Zimpel, Alexander von Bernus oder Johann Glückselig wieder mit der Herstellung solch kleiner, aber feiner Heilmittel. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, seien im folgenden einige Hersteller und bewährte Indikationen zum Kennenlernen genannt. Die Firma Iso-Spagyrik etwa beschränkt sich auf pflanzliche Mittel, und wer zu allergischen oder juckenden Bindehautentzündungen neigt, könnte mit den Augentropfen dieser Firma die Beschwerden lindern. Alexander von Bernus mit dem Laboratorium Soluna lernte wieder, Metalle und Mineralien spagyrisch aufzuschließen und mit Pflanzen zusammen zu verarbeiten. Das Aquavit dieser Firma ist ein stärkendes Mittel bei Schwächezuständen in der Rekonvaleszenz. Hervorragend entschlacken und entgiften kann man mit der Ausleitungskur (Hepar, Solidago, Antitox) der Firma Phönix, die eine kombinierte Herstellungsweise aus Spagyrik und Homöopathie entwickelt hat. Bei der Staufen Pharma erhält man spagyrische Einzelmittel nach den Zimpel-Verfahren, die in der Anwendung weitgehend der Homöopathie entsprechen, etwa Allium cepa bei Fließschnupfen. Ein gutes Mittel gegen Warzen beziehungsweise virale Infekte ist das Mittel Verintex der Firma Pekana, die wiederum Homöopathie und Spagyrik auf ihre Weise vereint. Ein Sonderfall der Spagyrik ist die Heinz Spagyrik beziehungsweise die Cluster-Medizin nach Heinz, die individuelle Behandlungen anbietet, indem körpereigene Substanzen, etwa Eigenblut, spagyrisch aufbereitet und als Arzneimittel eingesetzt werden.

Heutzutage gibt es also wieder viele Arten der Spagyrik, wie es auch wieder Spagyriker gibt. Und alle haben ihre eigenen Methoden entwickelt in Bezug auf Trennen und Zusammenfügen. Einig ist man sich darin, dass jedem Ding eine besondere Lebenskraft innewohnt, sei es nun Pflanze, Tier, Mineral, Metall oder der Mensch selbst. Diese Lebenskraft lässt eine eigene stoffliche Form entstehen, die sich als materielles Abbild manifestiert und das verborgene Kraftpotential repräsentiert. Diese Kraft gilt es, mit den Mitteln der Spagyrik freizusetzen. So baut sich zum Beispiel die Kraft einer Heilpflanze in die Baustoffe von Wurzel, Stengel, Blatt und Blüte ein. Die spagyrische Aufbereitung löst die in der Materie gebundene Kraft heraus, ja, das Verfahren soll die Heilkraft sogar erhöhen, weil das gebundene Energiepotenzial aus der stofflichen Form befreit ist. Zum Freisetzen dieser Potentiale werden verschiedene Verfahren in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt: Gärung, Auslaugung, Destillation und Veraschung. Bei allen Verarbeitungsschritten versucht man so weit wie möglich, natürliche Prozesse nachzuahmen.

Diese schonenden Aufbereitungsverfahren sind eng mit den Lebensphilosophien der Spagyriker verwandt. Danach ist alles Existierende Ausdruck einer allumfassenden Lebenskraft, die sich gleichermaßen in Pflanzen, Tieren und Menschen findet. Diese Kraft ist es auch, die heilen kann. Bei der schrittweisen Aufbereitung, die von Achtung und Respekt für alles Lebende geprägt ist, steht immer die Erhöhung, Veredelung und Entgiftung des Ausgangsmaterials im Vordergrund. In der Spagyrik wird diese Verfeinerung auch als »Läuterung« bezeichnet.

Der Spagyriker geht davon aus, das in der Lebenskraft drei unterschiedliche Prinzipien wirksam sind: Sal, Sulfur und Merkur. Sal steht dabei für das materialisierende, erdhafte Prinzip, Sulfur das beseelende, feurige und Mercur das belebende, geistige Prinzip, das zwischen den ersten beiden vermittelt. Beim Menschen kommen diese Prinzipien als Körper, Geist und Seele zum Ausdruck. Gesundheit ist nun ein Zustand, bei dem diese drei Prinzipien im Gleichgewicht sind. Da aber das Leben ständiger Veränderung unterworfen ist, kann auch die Gesundheit nicht unverändert bleiben. Ist das Gefüge von Körper, Geist und Seele nicht anpassungsfähig an die wechselhaften Lebensprozesse, bilden sich zunächst Störungen aus, später werden daraus Beschwerden und Krankheiten. Die Krankheit ist somit ein Hinweis auf ein Ungleichgewicht zwischen Körper, Seele und Geist. Zur Behandlung einer Krankheit ist es dann notwendig, das gestörte Prinzip zu begreifen. Wenn das Prinzip richtig erfasst wird, kann man es auf andere Situationen übertragen und nach Analogien im Großen oder im Kleinen suchen. So ist etwa das Herz das Zentrum des menschlichen Lebens, das Wärme und Liebe ausstrahlen kann. Im großen Kreis der Natur entspricht dem die Sonne als unser Zentralgestirn. Dasselbe Prinzip findet sich aber auch im Gold oder im Johanniskraut wieder. Eine dem Sonnenprinzip zugeordnete Pflanze wie die Ringelblume etwa wird deswegen auch zur Mittagszeit geerntet, wenn die Sonne am höchsten steht. Bei Bedarf wird die Pflanze sofort in Öl oder Alkohol eingelegt; andere Pflanzen werden erst auf Seide getrocknet, bevor sie verarbeitet werden. Die Menge der Pflanzenansätze sollte nie größer sein als des Blutvolumen des Menschen, und die Verarbeitungstemperatur sollte der menschlichen Körpertemperatur entsprechen. Die angesetzten Tinkturen werden dem Wechsel von Tag und Nacht ausgesetzt sowie durch Umrühren mit der Hand rhythmisiert.

So spiegelt sich der Mensch im Kosmos wieder, und so findet sich im Kosmos Unterstützung für menschliche Lebensprozesse. Wichtig ist es daher, das gestörte Prinzip richtig zu erkennen. Handelt es sich zum Beispiel um eine akute Organstörung oder einen chronischen Krankheitsverlauf? Sollen Symptome beeinflusst werden, einzelne Organe oder muss der Krankheitsverlauf aus ganzes behandelt werden? Eine spagyrische Therapie zielt immer darauf ab, das Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen. Welche Mittel dazu eingesetzt werden können, hängt sehr vom Allgemeinzustand des Menschen ab. Sehr geschwächte Menschen können nur sehr feine Reize zur Umstimmung verarbeiten, während ein Organismus, der mit Schwermetallen vergiftet ist, einen kräftigen Anschub braucht. Spagyrische Heilmittel wollen also in ihrer Wirkweise verstanden sein, bevor man sie einsetzen kann. Dann zeigen sie oft ausgezeichnete Erfolge. Selbstmedikation ist möglich, erfordert aber mehr Augenmaß und ein klares Bewusstsein der Grenzen einer Selbstbehandlung. Im Zweifelsfall ist es immer geboten, fachlichen Rat einzuholen.

Eva Lackner, Heilpraktikerin, Tel 04321/522990

     
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