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Juli / August 2004

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    Ayurveda Panchakarma Kuren
Alles andere als Wellness-Massagen

Von Evelyn Böttger

Mit Ayurveda-Behandlungen verbinden wir Westler wundervolle Massagen mit wohlriechenden Ölen. Im Westen werden Panchakarma Kuren oftmals in luxuriöse Sanatorien ab drei Tagen Dauer angeboten.

Panchakarma Kuren, die zur Reinigung und Verjüngung des Körpers führen, haben im Ayurveda seit jahrtausenden Tradition. Nach überlieferten Schriften sollen diese Kuren mindestens 28 bis 60 Tage dauern. Kürzere Zeitspannen sind Konzessionen an die heutige Urlaubssituation der Patienten, dieses jedoch auf Kosten des Ergebnisses.

Ich wollte gern erfahren, wie eine traditionelle Panchakarma Kur in Indien, dem Ursprungsland des Ayurveda, durchgeführt wird.

Meine Reise führte mich letztendlich nach Bangalore, der Hauptstadt der Provinz Karnataka in Südindien. Bangalore, eine Stadt mit einer florierenden Computerindustrie und einem höheren Lebensstandard als im übrigen Indien, zeigt sich einem aber auch von einer anderen Seite. Familien mit Kindern, die in zusammengeflickten Zelten ihr Dasein fristen, die über kleinen Lagerfeuern ihre kärgliche Mahlzeit kochen. Verstümmelte Kinder, die mich am Flughafen um ein paar Rupie anbetteln. Für mich ein beklemmendes Gefühl, dann in einen fast neuen Geländewagen zu steigen.

Mein Reiseziel befindet sich anderthalb Stunden Fahrtzeit vom Flughafen entfernt in einer ärmlichen Gegend. Mauern, auf denen Glasscherben befestigt sind und Sicherheitspersonal am Eingang machen mir den Unterschied von arm und reich noch bewusster. Hinter der Mauer ein hübsch angelegter Garten und die zur Klinik gehörenden Gebäude. Mein Zimmer ist zweckmäßig eingerichtet und verfügt über eine Dusche, ein geräumiges Bett, Sofa, Sessel, Schreibtisch und eine kleine Terrasse. Müde sinke ich ins Bett.

Am nächsten Vormittag dann der erste Arzttermin. In dem anderthalbstündigen Gespräch ging es nicht nur um momentane Probleme, sondern auch um frühere Krankheiten und um meine seelische Verfassung. Es endete mit einer Untersuchung und einer Pulsdiagnose.

Die erste Massage soll nun folgen. Zwei Therapeutinnen nehmen mich in Empfang. Der Massageraum ist groß und sehr sauber. Massiert wird auf einem Holztisch. Auf einem Gasherd köchelt das für mich herausgesuchte Kräuteröl. Nach einer langen Anreise freue ich mich auf eine angenehme Massage. Die Kopfmassage ist jedoch kein sanftes Durchkraulen, sondern eine, in schnellen Bewegungen mit beiden Händen ausgeführte Massage. Danach geht es auf die Liege und mit langen, kräftigen Strichen wird mein Körper massiert: im Sitzen, im Liegen. Wohliges Dahindämmern ist mir bei dieser speziellen keralischen Massage nicht möglich. Nach einer Stunde Massage fühle ich mich jedoch wach und wohlig.

Nun geht es in die Schwitzkiste. Der Körper wird einem Dampf von etwas über 40° ausgesetzt. Der Kopf bleibt außerhalb, was verhindert, dass der Kreislauf zu stark belastet wird. Die Therapeutinnen haben ein wachsames Auge auf mich. Die Kräuterdämpfe helfen dem Öl in tiefere Hautschichten einzudringen und Schadstoffe auszuleiten. Es folgt eine Dusche mit speziellem Haarwaschmittel und Duschcreme, völlig ökologisch und schadstofffrei. Europäer, die wohlriechenden Schaum über den Körper verteilen, müssen sich umgewöhnen, es schäumt nichts. Mit der Zeit erhalte ich aber genug Übung und das Entfernen des Öls wird immer leichter.

An diesem ersten Tag bekomme ich starke Kopfschmerzen. Der Temperaturunterschied und die Zeitverschiebung machen mir zu schaffen. Bis zum Abend wird eine Migräne daraus. Der Arzt gibt mir Medikamente, und die Schmerzen, die normalerweise nur mit starken Medikamenten verschwinden, lösen sich mit den Kräutermedikamenten vollständig auf.

Ayurveda bedeutet nicht nur Massage sondern ist in erster Linie eine Pflanzenheilkunde. In der Charaka Samhita, der »Bibel« des Ayurveda, sind nur zwei Zeilen der Massage gewidmet, alle anderen Kapitel beschäftigen sich mit Pflanzen und deren Wirkung auf Krankheiten.

Auf dem Speiseplan steht indische Hausmannkost, jedoch nicht ganz so scharf. Toast mit Marmelade adé.

Der Morgen startet mit frischem Obst, Papayas, Bananen, Granatapfel, alles was gerade reif ist. Dazu gibt es Reis, Chapati, eine Art Pfannkuchen, und ein Curry. Mittags folgt dann Reis, Chapati, Curry, Gemüse, Raita, Salat und ab und zu eine sehr leckere Süßspeise. Als Getränk ein Lassi aus Buttermilch, was dem Pitta hilft in gewohnte Bahnen zurückzufinden.

Nachmittags einen frisch gepressten Fruchtsaft und abends Reis, Chapati, Curry und manchmal Nudeln.

Zu allen Mahlzeiten wird Ingwertee und warmes Wasser angeboten, denn kaltes Wasser löscht das Verdauungsfeuer.

Zu den Mahlzeiten werden auch die verordneten Medikamente gereicht. Meine Großmutter sagte immer: bittere Medizin hilft am besten - danach muss die ayurvedische Medizin wahre Wunder wirken.

Am zweite Tag bekomme ich eine Synchron-Massage und Kativasti, eine spezielle Behandlung für Rückengeplagte. Auf dem Rücken wird ein Teigrand um die schmerzende Stelle angeknetet und warmes, mediziniertes Kräuteröl in diesen »Staudamm« gefüllt. Nach dem Entfernen des Teigrandes bleibt die Wärme noch lange erhalten was zu einer optimalen Muskelentspannung führt. Die Schmerzen sind nach einigen Behandlungen wie weggeblasen.

Auf meinem Behandlungsplan stehen die unterschiedlichsten Behandlungen.

Seka: Mir werden vier Liter warmes Öl sanft über den Körper gegossen. Zwischendurch wird das Öl immer wieder in den Körper eingearbeitet. Wohlige Müdigkeit umfängt mich. Mit den Ölgüssen kommen aber auch eine ganze Menge Gefühle in Bewegung. Eine Mitpatientin musste sogar die Behandlung abbrechen, weil einfach  zuviel hochkam.

Die Pathapodala ist eine Kräutermassage. Verschiedene Kräuter werden in einem Leinensäckchen zu so genannten  Bulis zusammen gebunden, in heißes Ghee (geklärte Butter) gestellt und dann mit schnellen Bewegungen über den Körper getupft. Das bedarf schon einer gewissen Übung, denn die Beutel sind heiß und ein zu langes verweilen auf der Haut führt zu Verbrennungen.

Padanganjali wird mit den Füßen durchgeführt. Die Therapeutin hält die Balance in dem sie sich an einem Seil festhält. Für Ausbildung und Praktikum ist halbes Jahr nötig bis der Druck entsprechend der Anatomie des Patienten als gleichmäßig empfunden wird.

Am zehnten Tag beginnen für mich dann die Ghee Tage.

Ich trinke geklärte Butter mit Kräutern. Mir ist ein bisschen Übel durch die ungewohnte Fettmenge auf nüchternen Magen. Aber das kann ich mit kleinen Schlucken heißen Wassers gut steuern. Es gelten strenge Verhaltensregeln für die nächsten Tage: keine Sonne, kein Wind, keine langen Spaziergänge, keine anstrengenden Bücher, nicht viel Denken, nicht schreiben und auch kein Yoga. Alles erhöht Vata, was nicht erwünscht ist. Morgens gibt es die Massage, zum Mittagessen Reissuppe.

Während der Ghee-Tage fühle ich mich müde und schlapp. Der Körper hat mit den ungewohnten Fettmengen ordentlich zu arbeiten. Der Arzt macht mir keine Hoffnungen, dass mein Befinden in den nächsten Tagen besser wird.

Die Nachmittagsbehandlungen sind etwas für meine überanstrengten Computeraugen: Akshitaparnam. Teigringe aus Kichererbsenmehl werden um meine Augen geknetet und mit warmem, mediziniertem Ghee gefüllt. Während der Behandlung werden mir die Augen mehrere Male geöffnet und hin und her gerollt. Für kontrollierte Europäer keine leichte Aufgabe, aber das Gefühl nach einer Stunde »Guck«-Pause ist einfach grandios.

Ich habe wenig gesprochen und mein Schlaf ist schlecht. Der Arzt sagt, es sind die Gedanken, die tagsüber nicht ausgesprochen werden, die den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen. Tagsüber bin ich dann müde, darf aber nur im Sitzen etwas schlafen, damit der Kreislauf nicht zu stark abfällt.

Nach sechs Tagen Gheetrinken ist es dann soweit: Cleaning-day oder Virechanam. Das einzig Erfreuliche daran, das Medikament, was zum Abführen beitragen soll, schmeckt wenigstens lecker. Nach der Einnahme ist Stubenarrest angesagt. Erlaubt ist lediglich, sich auf die Reinigung zu konzentrieren. Die Aussicht, bis zu 15 mal zur Toilette gehen zu müssen, ist nicht gerade aufbauend. Stündlich erscheint der Arzt oder eine Therapeutin um nach mir zu sehen. Mittags und abends gibt es Reissuppe.

Der Tag danach beginnt mit einer sanften Massage der ein Bad, in dem ein mit einem aus 16 Kräutern bestehenden Leinensack liegt, folgt. Es duftet herrlich. Dieses Verwöhnprogramm gibt es leider nur an diesem Tag.

Am nächsten Tag wartet eine Pulvermassage, Udveekthanam, auf mich. Sie bereitet die Haut auf eine bessere Aufnahme der Öle vor. Bei regelmäßiger Anwendung ist sie, nach Aussage meines Arztes, Fett reduzierend. Sie ist nichts für zartbesaitete. Mit kräftigen Massagebewegungen wird das warme Pulver über die Haut gerieben. Die Haut sieht wie nach einem Sonnenbrand aus. In der anschließenden Schwitzbehandlung habe ich ein Gefühl als würde ich von Nadeln traktiert werden.

Der in Europa so beliebte Shirodhara steht auf dem Programm. Nach einer kurzen Abhyanga fließt warmes Öl über meine Stirn. Durch die lange Ruhephase gelingt es mir leicht meine Gedanken mit dem Öl wegspülen zu lassen. Wem das Abschalten schwer fällt kann sich bei dieser Behandlung leicht Kopfschmerzen einhandeln.

Auch Einläufe werden gegeben. Die Prozedur ist nicht angenehm, aber dem Darm bekommt die Behandlung gut.

Regelmäßig werden Yoga und Meditationen durchgeführt, was den Geist beruhigen soll.

Medikamente gibt es bis zum letzten Tag. Nach dem Abschlussgespräch erhalte ich Tipps und einige Medikamente für Zuhause und den ernsthaften Hinweis, mich nicht sofort wieder ins Getümmel zu stürzen sondern noch eine Erholphase einzuhalten.

Die ayurvedischen Ärzte durchlaufen unterschiedliche Ausbildungen. Ein Ayurveda-Arzt (BAMS = Bachelor s of Ayurvedic Medicine and Surgery) studiert fünfeinhalb Jahre, ein MD Ayu (Medicine Doctor) drei Jahre. Nach Abschluss der Ausbildung erkennen sie über 500 Pflanzen. Und kennen sie die Wirkungsweise von 350 Pflanzen mit allen Details.

Wenn man in Indien eine solche traditionelle Kur bucht, kann man nicht unbedingt den gleichen Komfort wie in Europa erwarten. Für die Arztgespräche sollte man schon gut englisch sprechen und verstehen. Nicht immer sind Übersetzer vor Ort. Im administrativen Bereich wird die Verständigung auch mit Englisch schwierig, weil die meisten nur die Provinzsprache und etwas Hindi sprechen.

Nicht alle Anwendungen und alle Mahlzeiten haben einen wohligen Effekt. Diese Behandlungen selber, in dem vorgegebenen Zeitraum durchgeführt, reinigen den Körper und die Seele und haben nachhaltige positive Wirkungen. Die Massagen unterscheiden sich sehr von denen der »Wellness-Oasen«.

Ayurveda ist eben keine Wellness Massagevariante, sondern eine fundierte traditionelle Therapie und Wissenschaft von der Gesunderhaltung des Körpers.

Evely Böttger, Tel: 04553 / 989887

     
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