Ausgabe
November / Dezember 2004
Aktueller Artikel Artikelübersicht
 
Regelmäßig fahren Großkonzerne in den letzten Jahren beeindruckende Gewinne ein (Daimler-Chrysler machte beispielsweise zuletzt über dreißig Prozent mehr Gewinn als im Vorjahr.) Diese Erträge verschwinden sofort in den Taschen einiger Weniger und als Konsequenz fehlt es an jeder Ecke an Geld. Inzwischen haben es wohl die meisten gemerkt, dass der Kapitalismus nicht in dazu da ist, der Mehrheit der Bevölkerung dieses Planeten ihre Existenz zu sichern - im Gegenteil. Welche legalen Wege gibt es, aus dieser verfahrenen Situation herauszukommen? Man könnte in meditativer Kontemplation darüber nachsinnen, was die Situation jetzt mit mir zu tun hat oder man könnte mit den Vertretern des Kapitalismus in Dialog treten. (»Du, das finde ich jetzt aber echt nicht so gut, du.«)
Es ist uns gelungen, Frau Prof. Dr. Margrit Kennedy dafür zu gewinnen, eine weitere Möglichkeit zu beschreiben, nämlich wie mittels Regionalwährungen die örtliche Wirtschaft gestärkt und die Kaufkraft der Region erhöht werden könnte.


Mit Regionalwährungen zu nachhaltigem Wohlstand
Ein Weg zu einer dem Menschen dienenden Globalisierung
Von Prof. Dr. Margrit Kennedy


Technisch gesehen wären wir heute in der Lage, uns einen Menschheitstraum zu erfüllen, jedem Menschen auf dieser Welt alles was er/sie zum Leben braucht zur Verfügung zu stellen und die unangenehmsten Arbeiten von Maschinen erledigen zu lassen. Was fehlt ist das Geld.

Doch was ist Geld anderes als eine Vereinbarung unter Menschen, ein bestimmtes Medium - sei es Papierscheine, Münzen, in manchen Teilen der Welt Muscheln, im Krieg Zigaretten - als Tauschmittel zu akzeptieren und zu verwenden? Haben wir uns womöglich mit unserem eingefahrenen Geldverständnis in ein Denkgefängnis verirrt?

Sieht man etwas genauer hin, so fehlt es uns ja auch gar nicht am Geld. Geld gibt es tatsächlich in Hülle und Fülle, woran es tatsächlich mangelt, ist eine gerechte Verteilung des Geldes, und damit eine gerechte Verteilung des Zugangs zu den Ressourcen dieser Welt.

Mit drei Prozent der weltweiten Finanztransaktionen können heute alle realen Güter und Dienstleistungen ausgetauscht werden. 97 Prozent der transferierten Summen werden nur zu spekulativen Zwecken eingesetzt.

Während 70 Prozent des weltweit frei verfügbaren Kapitals heute in China investiert wird, müssen bei uns Fabriken schließen und in Billglohnländer umziehen, weil sie nur dort noch konkurrenzfähig produzieren können. Wir können also ziemlich sicher sein, dass wir mit unseren Spareinlagen und Lebensversicherungen den Aufbau Chinas und die Arbeitslosigkeit hier mitfinanzieren. Denn sobald unser Geld über den mahagonifarbenen Bankschalter gewandert ist, folgt es nur noch einem Ziel: nämlich dorthin zu wandern, wo die höchsten Gewinne gemacht werden.

Wie könnten wir nun ein dauerhaftes, stabiles, auf einen Nutzen hin optimiertes Geld - in einer Größenordnung die zählt - praktisch einführen und erproben? Die lokale Ebene erscheint zu klein: Bei den Tauschringe etwa, die es ja heute schon als alternative Verrechnungssysteme gibt, sind die Transaktionskosten - bzw. die Zeit, die man braucht, bis man ein gewünschtes Produkt oder eine Dienstleistung hat - normalerweise einfach zu hoch, um dieser Lösung zum durchschlagenden Erfolg im großen Umfang zu verhelfen. Auf der nationalen Ebene haben wir die D-Mark gerade zugunsten eines internationalen Geldes in Europa aufgegeben.

Was bleibt, ist die regionale Ebene. Grundsätzlich erlaubt eine komplementäre Regionalwährung zum ersten Mal, seit der Einführung nationaler Währungen im 19. Jahrhundert (der Abschied von regionalen Währungen ist also noch nicht allzu lange her), die in der Region produzierten Güter und Dienstleistungen als solche zu erkennen, sie bevorzugt einzukaufen und damit gezielt zu fördern.

Gerade für den Mittelstand, der die meisten Arbeitsplätze schafft, und in dem das Geld in der Produktion und nicht primär durch Geldgeschäfte verdient wird, eröffnen sich durch regionale Währungen neue Perspektiven des wirtschaftlichen Wachstums. Ein Arbeitsplatz für regionale Produkte kostet nur einen Bruchteil von dem was Arbeitsplätze kosten, die für den internationalen Markt produzieren. Warum sollten Banken in Zusammenarbeit mit den Kommunen in einer Region zukünftig nicht eine regionale Währung in ihrem Produktportfolio anbieten? Aber auch Vereine und regionale Entwicklungsgesellschaften wären in der Lage eine solche nutzen-stiftende Komplementärwährung einzuführen.

Deshalb sollte die Regionalwährung nicht nur legal, sondern realistischerweise auch in Phasen einführbar sein und in der Bevölkerung schnell Vertrauen gewinnen können. Dazu könnten drei erprobte Komponenten mit einander verbunden werden:
  • 1. ein Gutschein-System, welches - statt kommerziellen Zwecken zu dienen - als regionales Zahlungsmittel eingesetzt werden kann. Seine erste praktische Erprobung findet zur Zeit in Prien am Chiemsee statt, wo das so genannte Regiogeld unter der Bezeichnung »Chiemgauer« zirkuliert

  • 2. ein Kooperations-Ring, der als bargeldloses Verrechnungs- und Kreditsystem zum Austausch von Waren und Dienstleistungen, schwerpunktmäßig zwischen gewerblichen und professionellen Teilnehmern funktioniert, die Liquidität von kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) erhöht, aber auch den Bewohnern der Region eine Möglichkeit bietet, ihre Leistungen miteinander zu verrechnen, ähnlich dem WIR Ring der seit 70 Jahren in der Schweiz 20% der KMUs zur Verfügung steht. Jahresumsatz: 1.7 Mia Schweizer Franken

  • 3. und eine Mitglieds-Bank, die nach dem Grundsatz eines nachhaltig stabilen und nicht auf Wachstum angewiesenen Spar- und Kreditmodells arbeitet. Mitglieder erhalten zinslose Darlehen, die gleichzeitig mit einem Sparplan verbunden sind. Dieses Modell existiert seit rund 40 Jahren in Schweden, und dient 25.000 Mitgliedern mit einer Bilanzsumme von 70 Millionen.
Diese Kombination ermöglicht es fast alle Geld-Funktionen in Regios zu erfüllen.
Im Gegensatz zum Euro ist der Regio jedoch:
  • kein »offizielles« Zahlungsmittel, das heißt, er steht nicht unter Annahmezwang, seine Annahme erfolgt nur freiwillig

  • nur geografisch begrenzt einsetzbar und trägt in jeder Region eine jeweils eigene Bezeichnung

  • beim Umtausch in andere Regionalwährungen oder in die Landeswährung verursacht er eine Umtauschgebühr

  • und es lassen sich mit ihm keine Zinsen verdienen oder international Spekulationsgewinne erzielen.


Alle diese Charakteristika, machen ihn für die Region zum »besseren« Geld, denn alle werden bestrebt sein, dieses Zahlungsmittel zu benutzen, bevor sie ihre Euros ausgeben. Und genau das ist beabsichtigt.

Der Euro eignet sich für den internationalen Austausch, Wettbewerb, risikoreiche Geldinvestitionen und die Akkumulation und Umverteilung von Vermögen über Spareinlagen mit Anspruch auf exponentiell wachsende Zinsen oder Dividenden. Der Regio hingegen eignet sich als Tauschmittel für eine bewusste Förderung sozialer, kultureller und ökologischer Ziele, oder für einen ethischen Umgang mit endlichen Ressourcen in einem überschaubaren Bereich, zu dem Menschen eine direkte persönliche und emotionale Beziehung haben.

Der Regio soll den Euro ergänzen, nicht ersetzen. Er ist deshalb auch keine »alternative« sondern eine »komplementäre« Währung.

Das gegenwärtige Geldsystem wirkt wie eine Pumpe, die das Kapital aus den Regionen, in denen es verdient wird, absaugt und in Regionen pumpt, in denen es die höchste Rendite erzielt. Deshalb wird eine Verkürzung des Geldkreislaufs, der sich nach den Erfordernissen der Region richtet, eminent wichtig. Nur dadurch erhält sich eine Region ihre eigene Liquidität.

Zur Zeit - im Juli 2004 - gibt es im deutschsprachigen Raum etwa 50 Initiativen zur Einführung von komplementären Regionalwährungen, und ein Netzwerk, welches dazu dient die verschiedenen Erfahrungen mit unterschiedlichen Modellen auszutauschen und sich gegenseitig zu unterstützen. Die Praxis ist in diesem Fall der Theorie um einige Nasenlängen voraus. Es gibt jedoch immer mehr Forschungsarbeiten, die beweisen, dass komplementäre Währungen - sowohl regional wie auch sektoral - das bestehende Geldsystem und die Politik der lokalen und regionalen Banken ebenso wie der Zentralbanken stützen können. Dies ist nur logisch, denn diese Zahlungsmittel tauchen immer dann auf, wenn das Geld im bestehenden System knapp wird oder wirtschaftliche Probleme im Rahmen einer alternden Volkswirtschaft anders nicht mehr zu lösen sind.

Vielleicht ist es aber auch an der Zeit, das noch wenig genutzte Potenzial einer der genialsten Erfindungen der Menschheit - des Geldes - endlich zur Lösung von periodisch wiederkehrenden Problemen neu zu entdecken, weiter zu entwickeln und in vielfältigerer Weise zu nutzen.

Fazit:
Anstelle sozialer Programme, die sich mit dem Transfer finanzieller Ressourcen von Reich zu Arm begnügen, sind Komplementärwährungen ein völlig neuer Weg dem Anspruch auf soziale Leistungen und mehr sozialer Gerechtigkeit zu genügen. Wenn sie einmal eingeführt sind und funktionieren, können sie sich letztlich selbst finanzieren ohne den Staatshaushalt weiter zu belasten. Das heißt, sie können den Wohlfahrtsstaat teilweise ersetzen ohne selbst ein Wohlfahrtssystem zu sein. Sie sind in diesem Sinne hoch-innovative Selbsthilfemittel, die durch kreatives Handeln im Sinne einer »kollektiven Intelligenz« die Eigeninitiative von einzelnen und Gruppen fördern, ihren Selbstwert und damit insgesamt unser »Sozialkapital« zu stärken.

Wir stehen im Moment am Anfang einer Entwicklung, die viele interessante Möglichkeiten bietet dem herkömmlichen »Yang-Geld« ein neu zu schaffendes »Yin-Geld« zur Seite zu stellen. Den von männlichen Werten geprägten nationalen und internationalen Währungen, spezielle, durch von femininen und sozialen Werte geprägte, regionale Währungen zu ergänzen.

In dem Zusammenspiel der beiden Möglichkeiten, Geld zu erschaffen, ergeben sich vielleicht die besten praktischen Möglichkeiten, auf dem seit langem gesuchten Weg zu einer ausgeglichenen, den Menschen dienenden und von Menschen beherrschbaren Globalisierung. Es sieht so aus, als wenn die Zeit dafür reif ist.

Portrait Margrit Kennedy Margrit Kennedy arbeitete für verschiedene Forschungsprojekte der OECD und UNESCO in 15 Ländern Europas sowie Nord- und Südamerika. Sie war Professorin für technischen Ausbau und ressourcensparendes Bauen an der Universität Hannover und baut derzeit mit einer Gruppe engagierter Helfer ein Netzwerk für die praktische Umsetzung von Regionalwährungen auf.

Literatur:
Kennedy, Margrit: Geld ohne Zinsen und Inflation, Goldmann Verlag, München 1991
Kennedy, Margrit und Bernard Lietaer: Regionalwährungen - Ein neuer Weg zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2004
Gesell, Silvio: Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, Zitzmann Verlag, Lauf b. Nürnberg, 1949

Webadressen:
www.regionetzwerk.de,
www.margritkennedy.de,
www.monneta.org,
www.chiemgauer.info,
www.geldreform.de