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Januar / Februar 2005
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Permakultur - Leben und Arbeiten mit der Natur
Von Jascha Rohr


Wer träumt nicht davon, in einem Garten zu leben, der einen nicht nur mit seiner Schönheit bezaubert, sondern auch täglich gesundes frisches Essen auf den Tisch bringt. Ein Garten, der zum Verweilen einlädt und Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere ist. Vielleicht träumt man aber auch von einer offenen Nachbarschaft oder Gemeinschaft, in der man Zeit füreinander hat und sich gegenseitig unterstützt. Möglich auch, dass Sie sich gerade jetzt fragen, wie dies mit einem Beruf in der Stadt zu verwirklichen ist.

Permakultur hat in den letzten zwanzig Jahren viele individuelle Lösungen entwickelt und viele Ideen her­vorgebracht, die uns ermöglichen, diesen und anderen Träumen ein Stück näher zu kommen.

In den Achzigern entwarfen die Aus­tralier Bill Mollison (Alternativer Nobelpreis 1981) und David Holmgren das erste Konzept der Permakultur. Da es den beiden nicht um kurzfristigen Profit, sondern um langfristige Lösungen ging, nannten sie ihre Idee »permaculture«, eine Zusammensetzung der beiden englischen Wörter »permanent« und »agriculture«, also eine permanente, nachhaltige Landwirtschaft. Sie wollten positive, ethische Alternativen entwickeln und nicht nur gegen die konventionellen Praktiken protestieren. Es dauerte nicht lange, da wurde ihnen und anderen klar, dass die Ideen, die die beiden gesammelt hatten, nicht nur auf die Landwirtschaft anzuwenden waren, sondern auch auf soziale und ökonomische Bereiche. Aus der permanenten Agrikultur entstand immer mehr die Idee einer permanenten Kultur, die alle Aspekte des Lebens umfasst.

Wenn wir heute von Permakultur hören, dann hören wir meist von den spannendsten Lösungen, die aus der Permakultur entstanden sind:

Waldgärten
Wie es oft der Fall ist, werden gute Ideen an verschiedenen Orten zugleich geboren, ohne dass die Urheber etwas voneinander wussten. Auch Robert Hart aus England und Bill Mollison lernten sich erst kennen, als beide schon einige Zeit an ihren Ideen gearbeitet hatten. Was Bill Mollison mit seinem Permakulturkonzept generell zu erreichen hoffte, nämlich gesunde, stabile Ökosysteme zu schaffen, die in der Lage waren, die Bedürfnisse der Menschen nachhaltig zu befriedigen, hatte Robert Hart mit seiner Idee eines Waldgartens schon begonnen umzusetzen. Er und seine Mutter glaubten, dass ein Leben in der Natur mit gesundem Essen und gärtnerischer Arbeit das Beste für den kranken Bruder von Robert wäre. Doch das Gemüsegärtnern stellte sich bald als zu aufwendig heraus und erlaubte es Robert Hart nicht, sich genügend um seinen Bruder zu kümmern. Zudem war er von Gandhis Idee fasziniert, dass Menschen und Gemeinschaften in der Lage sein sollten, sich vor Ort selbst versorgen zu können. Denn nur eine natürliche Lebensmittelversorgung vor Ort könne den Welthunger aber auch die Unfreiheit vieler Menschen beenden. Zum anderen war eine Gartenmethode gefragt, die Robert und sein Bruder bewältigen konnten und die trotzdem genügend Nahrung produzierte. Zu guter Letzt sollte der Garten auch ein gesundes Ökosystem darstellen, da Robert an die heilende Kraft einer gesunden Natur glaubte und spirituelle Nahrung in ihr fand. Seine Waldgartenidee verband all diese Ansprüche. Robert Hart pflanzte einen Garten, der wie ein natürlicher Wald funktionieren sollte. Die ungeheure Produktivität von Wäldern rührt vor allem daher, dass in ihnen viele Nischen in Raum und Zeit ausgenützt werden und die Pflanzen Funktionen für das gesamte System übernehmen. Sie leben oft in Symbiose und unterstützen sich gegenseitig in einem komplexen System. Robert Hart achtete bei seinem Wald zusätzlich darauf, dass alle Pflanzen auch einen direkten Nutzen für den Menschen hatten, in Form von etwa Nahrung oder Medizin. So ersetzte er die verschiedenen Schichten des Waldes mit Nutzpflanzen, pflanzte für die Baumschichten Obstbäume, als Sträucher Fruchtsträucher. Darunter kamen Kräuter, mehrjähriges Gemüse und Knollengewächse. Vertikal und horizontal ließ er Bohnen, Wein und sogar Kiwis ranken. Eine dichte Esswildnis, die nach der Pflanzphase kaum Arbeit benötigte, da sie fast ausschließlich aus mehrjährige Pflanzen bestand.

Essbalkone
Nicht jeder kann sich einen Wald pflanzen, selbst wenn man einen kleinen Garten besitzen sollte - für einen Wald braucht man Platz. Aber die Idee, Nischen zu füllen und somit den Platz optimal auszufüllen, so wie es in einem Wald passiert, lässt sich auch auf sehr kleine Gärten, Balkone, ja sogar Fensterbänke übertragen. Tatsächlich lässt sich auf einem kleinen Balkon unter bester Ausnutzung des Sonneneinfalls, sowie aller vertikalen und horizontalen Flächen eine kleine Esswildnis kreieren, die einen zwar nicht autark macht aber doch täglich etwas Frisches auf den Tisch bringt und zusätzlich einen wunderbaren Ort zum Entspannen und Träumen bereithält. Das Ehepaar Michael und Julia Guerra aus England erntet in ihrem zehn mal vier Meter großen Garten ein jährliches Äquivalent von 37 Tonnen pro Hektar Lebensmittel. (Whitefield, 1998) Ein gewaltiger Erfolg, der sich nur durch die optimale Kombination der Pflanzen und die Nutzung des Raumes verstehen lässt. Und das auf Grundlage ökologischer Gartentechniken, die den kleinen Garten wie einen Urwald aussehen lassen.

Soziale und ökonomische Projekte
Doch das ist nicht alles, denn die Überlegungen, die zu den erstaunlichen Garten- und Selbstversorgungskonzepten geführt haben, haben auch im Zusammenhang weiterer Themen Erfolge gezeigt. In Deutschland wurde das erste Tauschringtreffen durch das Permakultur Institut initiiert. Auch in Australien, dem Herkunftsland der Permakultur, gibt es viele Verknüpfungen zwischen Menschen, die Permakultur betreiben und Projekten alternativer Wirtschaftsweisen in denen Tausch, Kooperation, Alternativ- und Komplementärwährungen im Zentrum stehen. Viele Aktivisten der Ökodorfbewegung sind gleichzeitig Permakulturaktivisten. Initiativen wie Car-Sharing, Gemüsekisten, Coops, Kultur- und Nachbarschaftsprojekte sind oft unter der Mitwirkung von Permakultur Designern entstanden. Und das hat seine Gründe. Denn hinter all diesen Initiativen, Projekten und Ideen steht eine ähnliche Philosophie und eine ähnliche Herangehensweise.

Sie sind nach den gleichen Prinzipien geplant und durchgeführt. Denn Permakultur versteht sich als eine Designmethode; eine Methode also, mit der sich unterschiedli­che Projekte gestalten lassen. Wenn wir im Alltag von Permakultur hören und sprechen, dann meinen wir meist die konkreten Resultate und Projekte eines guten Permakulturdesigns: Waldgärten, Ökodörfer, Essbalkone, Tauschringe und vieles mehr. Manche glauben auch Permakultur sei eine bestimmte Gartenbaumethode, so wie der biologisch-dynamische Gartenbau oder die organisch-biologische Methode. Doch Permakultur selbst ist vor allem erst einmal eine Designmethode:

Permakulturdesign
Man kann sich das vielleicht folgendermaßen verdeutlichen. Hinter einem guten Haus steht gute Architektur - ein Haus allein ist aber keine Architektur. Hinter einem Auto stehen Ingenieurswissenschaften - ein Auto allein ist aber keine Ingenieurswissenschaft. Ebenso steht hinter einem guten Projekt Permakultur. Das Projekt allein ist aber keine Permakultur.

Permakultur ist eine Designmethode, die sich damit auseinandersetzt, wie wir unsere vielleicht wagen Vorstellungen eines guten Lebens und einer verantwortlichen Lebenspraxis gestalten und umsetzen können. Ihr Ziel ist es, funktionierende Systeme aufzubauen, die den ethischen Grundsätzen der Sorge um Natur und Menschen gerecht werden, ob es sich dabei um Gärten, landwirtschaftliche Betriebe, Häuser, Städte oder Gemeinschaften handelt. Immer sollen die komplexen Zusammenhänge in einer offenen, vielfältigen Struktur verbunden werden. Dabei bedient sich die Permakultur moderner Technologien ebenso wie traditionellem Wissen.

Ein Permakulturdesign umfasst eine Reihe wichtiger Schritte: Zentral, am Anfang jeden Designs, aber auch zu jedem Zeitpunkt während der Umsetzung, ist dabei die Beobachtung der Natur. Deren Kreisläufe und Strategien gilt es nachzuempfinden und im Design umzusetzen. Oft hilft es bei der Beobachtung ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen: Wie sähe ein Vogel oder ein Frosch das Gelände? Oder man begegnet allem mit der fragenden Haltung eines Kindes: »Warum ist dies so und nicht anders?« All diese Beobachtungen werden im Folgenden einer kreativen und umfangreichen Analyse unterzogen. Mit den Ergebnissen der Analyse wird der Designprozess begonnen. Steht das Design soweit, kann mit der Implementierung des Geplanten begonnen werden. Die Projektbenutzer werden dabei immer am Design beteiligt, damit sie ihr eigenes Projekt eigenverantwortlich umgestalten und weiterentwickeln können. Bill Mollison, einer der Gründer der Permakultur, nennt dies die Police der Verantwortung: »Autorität (hier die der Permakultur Designerin) hat die Aufgabe, Leben und Menschen Funktionen und Verantwortung zurück zu geben. Geschieht dies erfolgreich, so ist keine weitere Autorität vonnöten. Erfolgreichs Design sollte selbstständig funktionierende Systeme schaffen«.

Welche Permakulturschritte können Sie unternehmen?
  • Suchen sie sich einen Ort, an dem sie etwas anbauen können, selbst ein kleiner Balkon oder eine Fensterbank reicht fürs Erste. Schon die wichtigsten Küchenkräuter lassen sich auf kleinem Raum ziehen. Wenn Sie mehr Fläche haben, beginnen sie mit einfachen und robusten Gemüsepflanzen und mehrjährigen Stauden.
  • Probieren Sie sich an einem kleinen Permakulturdesign: Notieren Sie sich die wärmsten und die kältesten Zonen, schauen Sie ob ihr Boden sandig oder lehmig ist. Wenn Sie viel Wind haben, bauen oder pflanzen sie einen Windschutz, wenn Sie Regenwasser sammeln können, nutzen Sie diese Gelegenheit. Überlegen Sie sich, wie viel Zeit Sie für den Garten oder Balkon haben. Minimieren Sie den Aufwand durch mehrjährige essbare Stauden. Suchen Sie dann nach den passenden Pflanzen für die jeweiligen Standorte. Jede Biogärtnerei wird Sie sicherlich dabei beraten.
  • Schließen Sie sich mit anderen zusammen, helfen Sie sich mit Erfahrungen, Saatgut und Geräten.
  • Besuchen Sie ein Permakulturprojekt oder ein Seminar in ihrer Nähe.


Portrait Jascha Rohr Jascha Rohr(M.A.) ist Permakultur Designer und Leiter der Permakultur Akademie.
Als Stipendiat der Heinrich Böll Stiftung und des Schumacher Colleges hat er sich intensiv mit Ökophilosophie und dem Mensch-Natur-Verhältnis auseinandergesetzt. Er arbeitet als Autor, Seminarleiter und Geschichtenerzähler.
www.permakultur-akademie.de, info@pk-akademie.de

Literaturempfehlung:
Patrick Whitefield: Permakultur kurz und bündig, 69 Seiten, Softcover, ISBN: 3-922201-15-6

Patrick Whitefiled: Das große Handbuch Waldgarten, 178 Seiten, Softcover, ISBN 3-922201-25-3,

Hans Peter Rusch: Bodenfruchtbarkeit - Eine Studie biologischen Denkens, 256 Seiten, Hardcover, ISBN 3-922201-45-8

Herwig Pommeresche: Humussphäre Humus - Ein Stoff oder ein System?, 224 Seiten, Hardcover, ISBN: 3-922201-50-4,

alle: Organischer Landbau Verlag, www.olv-verlag.de

Graham Bell: Der Permakultur-Garten - Anbau in Harmonie mit der Natur, 176 Seiten, 15,80 Euro ISBN: 3-89566-196-1

Masanobu Fukuoka: Der große Weg hat kein Tor - Nahrung - Anbau - Leben, 144 Seiten, Paperback, 12,80 Euro ISBN 3-923176-71-6,

Bill Mollison: Permakultur konkret - Entwürfe für eine ökologische Zukunft, 144 Seiten, Paperback, ca. 12,80 Euro, ISBN 3-89566-198-8, Achtung: Neuauflage im Frühjahr 2005,

alle: Pala Verlag, www.pala-verlag.de

Permakultur - Landwirtschaft im Einklang mit der Natur. Ein Besuch bei Sepp & Veronika Holzer, VHS-Video, ca. 35 Min. Spielzeit, Crystal Lake Video, www.crystal-lake-video.de

Sepp Holzer: Der Agrar-Rebell, 240 Seiten, Hardcover, 19,90 Euro, ISBN: 3-7020-0970-1, Leopold Stocker Verlag