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Mai / Juni 2007
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Szenisch-Dialogisches Coaching
Eine Kurzdarstellung
Von Ingrid Littkeitz-Wiedicke und Cordula Ziebell


Im szenisch-dialogischen Coaching werden problem- und konflikthaltige, schwierige, merk- und denkwürdige, irritierende und ängstigende Szenen beleuchtet.

Mit Hilfe von Aufstellungen und Inszenierungen werden Menschen eingeladen, sowohl ihre inneren Beziehungen und Verstrickungen, als auch gegenwärtige, vergangene und zukünftige Begegnungen zu erkunden.

In inszenierten Dialogen wird das Über-Jemanden oder Über-etwas-Reden ersetzt durch ein Mit-Jemanden-Reden. Quälende Selbstgespräche, grüblerische Gedanken und Selbstvorwürfe führen meistens in einen inneren Teufelskreis und in die Resignation. Die szenisch-dialogische Beratungsmethode eröffnet einen experimentellen Freiraum, in dem vergangene schwierige Erlebnisse aufgearbeitet, Ängste vor bevorstehenden Situationen abgebaut und wünschenswerte Verhaltensweisen sowie Kommunikationsfähigkeit gefördert werden.

Daher eignet sich das szenisch-dialogische Coaching besonders zur Vor- und Nachbereitung schwieriger und wichtiger Konfliktsituationen:
  • Was war neulich zwischen mir und den anderen los?
  • Wie wird die Begegnung, die mir bevor steht?
  • Welche Möglichkeiten gibt es für mich, mit dieser Situation umzugehen?
Die dialogischen Inszenierungen ermöglichen ein ganzheitliches Probehandeln: die Verbindung von Gedanken, situationsbegleitenden Gefühlen und Körperimpulsen wird erfahrbar gemacht und gestalttherapeutisch begleitet.

Die szenisch-dialogische Beratungsmethodik ist Grundlage für die Entwicklung von Veränderungsstrategien und Trainingsfeld für neue Lösungswege. Sie versteht sich jedoch nicht als Trainingskonzept zur Übernahme erwünschter Rollen. Stattdessen bietet sie Chancen, Selbstbeschränkungen zu überwinden und sich freieren, spontaneren, selbstbestimmten Handlungsformen zu eröffnen. In den ausgesuchten und aufgestellten Szenen werden die Dialoge von der TherapeutIn angeregt. Dabei kann die HauptakteurIn aufgefordert werden, mehrfach die Perspektive zu wechseln (Identifikationswechsel).

Die augenblicklich nicht in die Inszenierung eingebundenen »Zuschauende« sind nicht außenstehende Voyeure, sondern Beteiligte, die miterleben, indem sie sich in die Haupt- und NebenakteurInnen hineinversetzen und die in den Auswertung-phasen nach den Szenen die Klärungsbemühungen der HauptakteurIn durch Rückmeldung unterstützen.

Zentral bleibt immer das Anliegen, die AkteurInnen bei der Bewältigung ihrer konkreten, alltäglichen Realität im Hier und Jetzt zu unterstützen, dass heißt, die TherapeutInnen wählen die Gegenwart als Ausgangs- und Endpunkt der Szenenabfolgen und schaffen so Bedingungen, das neu erarbeitete Repertoire in den Alltag zu übertragen.

Praxisbeispiel einer Szenenabfolge:
Nachdem die Gruppe ihre Inszenierungswünsche gesammelt hat, erklärt sich Frau M. bereit, als Hauptakteurin mit ihrem Aufstellungswunsch zu beginnen.

Ihr Anliegen ist: »Ich möchte herausfinden, wieso ich immer wieder im KollegInnenteam das Gefühl habe, nicht dazu zu gehören. Wenn die KollegInnen sich miteinander unterhalten, denke ich, dass ich mich nicht einmischen darf oder weiß nicht, wie ich mich einbringen kann.«

Die Leitende konkretisiert mit Frau M. ihre Klärungs- und Veränderungswünsche, indem sie dabei im Raum umhergehen. Das Gehen ist integraler Bestandteil der Arbeit: man kommt nicht nur körperlich in Bewegung, sondern auch Gedanken, Gefühle, Assoziationen beginnen zu fließen. In diesem Prozess kristallisiert sich bei Frau M. eine typische Situation am Arbeitsplatz heraus:
In der Pause unterhalten sich grüppchenweise die KollegInnen im Lehrerzimmer und Frau M. weiß nicht, wie sie einen Gesprächseinstieg finden soll.

Die Ausgangsszene ist gefunden und wird nun genau aufgestellt. Dazu gehört zunächst, dass der Ort, die Zeit, die Einrichtung und Requisiten der Szene imaginiert und aufgebaut werden. Das äußere Aufstellen bewirkt bereits bei der Hauptakteurin auch einen inneren Prozess des Wiedererlebens dieser Situation.

Anschließend werden von Frau M. die NebenakteurInnen ausgewählt und in die verschiedenen Identifikationen eingestimmt: »Sie sind meine Kollegin Frau K., wir arbeiten seit sechs Wochen zusammen und ich wünsche mir eigentlich einen näheren Kontakt zu Ihnen ... « und eingewiesen: »In der Pause sitzen Sie oft mit Frau D. zusammen ...«

Nachdem alle Beteiligten auf ihre Rollen eingestimmt sind, beginnt die Szene, in dem die Dialoge von der Leitenden angeregt werden. Durch die Authentizität der Situation tauchen bei Frau M. die Emotionen auf, die sie vorher beschrieben hat: sie fühlt sich hilflos, minderwertig und irgendwie traurig.

Die Szene wird gestoppt und Frau M. schildert, wie es ihr gerade geht: ihr wird deutlich, dass sie solche Situationen schon aus ihrer Kindheit kennt. Im Gespräch mit der Therapeutin fällt ihr dazu eine typische Kindheitsszene ein.

Die Ausgangsszene wird aufgelöst, die Beteiligten werden von Frau M. aus ihren Identifikationen entlassen und die für ihre Emotionen zugrundeliegende Szene, die Regressionsszene, wird aufgestellt und die Rollen werden neu eingewiesen. Folgende Szene wird nun durchgespielt:
Frau M. sitzt als fünfjährige mit ihrer Mutter und der zwölf Jahre älteren Schwester am Mittagstisch. Mutter und Schwester unterhalten sich sehr angeregt, die Schwester erzählt viel und gern. Frau M. hat subjektiv keine Chance, in das Gespräch einzusteigen und fühlt sich zunehmend hilflos, klein und unwichtig.

Nach der Auflösung der Regressionsszene und dem Feedback aller GruppenteilnehmerInnen wird für Frau M. deutlich, dass es durchaus o.k. war, sich so hilflos und minderwertig zu fühlen; sie konnte sich mit ihrem inneren Kind ein Stück weit aussöhnen.

Im Anschluss an diesen gestalttherapeutischen Prozess ist es ihr möglich, sozusagen einen Sprung zu vollziehen und eine Progressionsszene (eine zukünftige Situation) mit folgender Fragestellung durchzuspielen: »Heute sind Sie erwachsen, die KollegInnen sind überwiegend im gleichen Alter. Wenn Sie tun könnten, was sie gern wollten, wie wäre das?«

Die Ausgangsszene wird noch einmal neu aufgebaut. Beim Durchspielen dieser Szene gelingt es Frau M., sich als gleichberechtigte Kollegin in ein Gespräch einzubringen.

Im Nachhinein ist Frau M. geradezu verblüfft, wie einfach und selbstverständlich ihr der Einstieg gelungen war.

Durch das Probehandeln und Erleben in diesen dialogischen Inszenierungen wurde Frau M. bewusst, woher ihr Gefühl von Ausgegrenztsein und Minderwertigkeit kam und konnte aufgrund dieser Klärung für sie neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln und ausprobieren.

Szenisch-dialogisches Coaching schafft den Rahmen,
  • in geschützter, experimenteller Situation die Grenzen des eigenen Rollengefängnisses abzuschreiten, sie dann zu überschreiten und Zukunftsängste abzubauen.
  • verschüttete Persönlichkeitsanteile zu erkennen und sich diese wieder anzueignen.
  • Interpretations- und Handlungsalternativen zu erfahren und zu erproben sowie Neuorientierung zu verankern.
  • nicht eigene, sondern von anderen Personen übernommene und ungefilterte Werturteile aufzudecken und, wenn möglich, aufzulösen.
  • Mitgefühl für die Handlungsnöte der anderen zu entwickeln und Sympathie für das eigene Lebensschicksal durch die Mitteilnehmenden zu erfahren.
  • ein realitätsangemessenes Selbstbild zu entwickeln.
  • selbstgewählte, abgesprochene und sinnvolle Anliegen in einem Klima von Transparenz, Akzeptanz, Zuverlässigkeit und Flexibilität so zu bewältigen, dass damit zugleich das Selbstwerterleben der Einzelnen tragfähiger wird.
Zielgruppe:
Das szenisch-dialogische Coaching richtet sich an Menschen, die gegenwärtige und zukünftige Herausforderungen befriedigender bewältigen wollen, ihre persönliche und berufliche Handlungskompetenz erweitern möchten und gerne mit anderen zusammen experimentierfreudig lernen.

In Anlehnung an Jeanette von Bialy (Gestalt- und Lehrtherapeutin, Ausbilderin, Supervisorin) und Dr. Helmut Volk-von Bialy (Erwachsenbildungsdozent, Unternehmensberater, Rollenspielpädagoge), die das Verfahren des szenisch-dialogischen Coaching entwickelt haben.

Fotos: Cordula Ziebell



Portrait von Cordula Ziebell Cordula Ziebell
geb. 1957, Gestalttherapeutin (IGG), Diplom-Sozialpädagogin und Erzieherin, arbeitete viele Jahre mit chronisch psychisch kranken Menschen. Sie ist seit 1994 in eigener Praxis tätig und hat sich neben der mehrjährigen Weiterbildung in Szenisch-Dialogischer Gestaltarbeit auf frauenspezifische Themen, sowie auf die Arbeit mit verwaisten Eltern spezialisiert.
www.gestalttherapie-ziebell.de





Portrait von Ingrid Littkeitz-Wiedicke Ingrid Littkeitz-Wiedicke
geb. 1954, Gestalttherapeutin (DVG), Diplom-Sozialpädagogin und Erzieherin arbeitete einige Jahre als Vorschullehrerin und in der Familienberatung. Seit 1991 ist sie als Gestalttherapeutin in eigener Praxis tätig und hat sich neben der mehrjährigen Weiterbildung in der Szenisch-Dialogischen-Gestaltarbeit auch in Traumatherapie weitergebildet. Sie arbeitet psychotherapeutisch vorwiegend mit Einzelklienten.
www.gestalttherapie-hamburg.de