In
meinen Kindheitstagen begannen alle Geschichten wie im Märchen mit «Es war einmal». Ich
erinnere mich an ein rotes Plüschsofa mit dicken, bestickten Kissen. Eine goldschimmernde
Decke mit langen Fransen, deren vier Zipfel bis zum Boden reichten, verbarg die
hochglanzpolierte runde Tischplatte, die auf einer Mittelsäule mit mächtigen
Löwenfüßen ruhte.
An diesem Tisch im Wohnzimmer meiner Großmutter, welches sie
Salon" nannte, verbrachten meine beiden Schwestern und ich lange
Winternachmittage, während meine Mutter mit dem Bollerwagen unterwegs war, um Holz oder
Eierkohlen für die Brennhexe" und allerlei anderes Brauchbare zu hamstern. Die
Beute solcher Hamsterzüge war stets in einen braunen Kartoffelsack gehüllt und wir
bekamen sie niemals zu Gesicht, so sehr wir auch unsere fünf Sinne anstrengen mochten:
der Inhalt des Sackes war und blieb streng geheim". Ich war etwa vier Jahre alt
und stellte mir vor, daß meine Mutter ungeheure Schätze, wie Gold und Silber darin vor
unseren Augen verbarg. Manchmal flüsterte sie mit meiner Großmutter im Nebenzimmer und
dann hörte ich schwere Schritte die Treppe zum Keller hinuntergehen. Gewiß war dort der
ganze Schatz vergraben!
Wünscht mir Glück, Kinder, ich bin bald wieder da und seid brav
solange" war das tägliche Aufbruchsignal. Die Wartezeit bis zu ihrer Rückkehr
verkürzte unsere Großmutter mit allerlei Geschichten aus der guten alten
Zeit". Erzähl doch, Größchen, wie es damals war bei Euch Zuhause",
bettelten wir. Und meine Großmutter ließ sich nicht lange bitten. Bereitwillig und
lebhaft malte sie uns mit ihrer altmodischen Sprache den uns unermeßlich erscheinenden
Reichtum einer vergangenen Epoche aus. Ja, damals, zu Kaisers Zeiten", begannen
die Geschichten vom Mädchenpensionat, wo alle Schülerinnen Blusen mit weißen,
ausknöpfbaren Stehkragen trugen, der Klavierstunde beim Fräulein, das unserer
Großmutter mit endlosen Fingerübungen zusetzte, dem alten Tanzlehrer, der den jungen
Damen den langsamen und den Wiener Walzer und den Hofknicks für die Ballsaison
beibrachte. Vor meinem inneren Auge erstanden hellerleuchtete Festsäle mit
herausgeputzten Tanzpaaren oder das verträumte Lächeln des Fräuleins, wenn sie den
schwarzen oder weißen Tasten einen zaubrischen Klang entlockte. Was meine Großmutter
auch erzählte, in meiner Phantasie nahm es märchenhafte Dimensionen an. Und ich fand es
traurig, daß all diese Herrlichkeiten einer Vergangenheit angehörten, an der ich keinen
Anteil hatte.
Eine tiefe Sehnsucht nach dem goldenen Vlies einer verlorenen Zeit nahm
mich gefangen. Ich träumte mich fort aus der bedrückenden Nachkriegsenge, der
Trümmerlandschaft dieser Stadt, in der wir nicht Zuhause, sondern nur eine geduldete
Flüchtlingsfamilie waren. Als wir im Frühling, der diesem Winter folgte, meine
Großmutter in der Fremde begruben, schien mit ihrem hölzernen Sarg die märchenhafte
Phantasiewelt meiner Kindheit zu versinken. Meine Kinderträume waren ein
Aus-dieser-Zeit-Gehen, ein Tauschgeschäft: Die Illusion als Spiegelbild der Sehnsucht
nach einem Zufluchtsort, eingetauscht gegen die unaushaltbare bittere Realität meiner
kindlichen Verlorenheit in der Fremde. Seit dieser Zeit ist das Wort Heimat"
ein Suchbegriff in meinem Leben geblieben. Stets trug er mir eine Sehnsucht vor nach etwas
Verlorenem, etwas durch Krieg und Schuld Genommenem.
So begann meine lange Ich-Reise ins Bin. Die heimwehkranken,
rückwärtsgewandten Bilder meiner Großmutter hatten in mir eine tiefe Sehnsucht
ausgelöst nach einem eigenen Zuhause, dem Ort, an dem ich wirklich bin. Ich machte mich
auf den Weg. Der feste Glaube, ein Ziel zu haben, das ich auch erreichen würde, gab mir
die Kraft, aufzubrechen. Auf dieser Wanderung begegneten mir meine guten wie auch meine
bösen Geister. Mahnten die einen mich mit sanfter Stimme: Anerkenne, was ist, sei
was du bist", flüsterten die anderen mir ins Ohr: Nimm, was du haben kannst.
Zeig, was du hast, damit du was bist". Hin und hergerissen zwischen Sein"
und Haben", entschied Ich mich mal für dieses, mal für jenes. War es mein
Haus, mein Garten, waren es Reisen in fremde Länder, war es die Arbeit? Wohin gehörte
ich? Wem gehörte ich? Wem gehörte meine Liebe? War es meine Familie, waren es meine
Kinder? Waren es andere Menschen, waren es meine Freundinnen und Freunde? Auf der Suche
nach meinem Weg nach Hause lief ich in alle Himmelsrichtungen und verlor mein Ziel aus den
Augen. So hin- und hergerissen fühlte ich mich mal im Himmel, mal in der Hölle. Mein
Lebensweg verlor sich in meinem selbst erschaffenen Labyrinth. Und plötzlich ging es
nicht mehr weiter. Ich hatte die Orientierung verloren.
In dieser Zeit tiefer Niedergeschlagenheit entdeckte ich den
Faden der Ariadne" wieder, diesen Lebensfaden, der mir nie ganz
abhandengekommen war: meine Sprache. Sie war mein Weg.
Am Anfang war der Bilderansturm meiner Kindheit gewesen, der sich
allmählich zur Sprache geformt hatte. Es waren diese Bilder, die mich gewissermaßen
ausbildeten". Sie legten eine Spur durch das Labyrinth meines Lebens, die mir
nun half, herauszufinden. Herauszufinden, wo ich zu Hause sein wollte.
Der obige Text erschien in der Ausgabe 5 des Zeichen", des Rundbriefs des
Vereins zur Förderung seelischer und körperlicher Gesundheit e.V.. Imke Liegemann,
Körnerstraße 25, 22301 Hamburg, Tel: 040 / 27 80 62 00.