logonordstern.jpg (11348 Byte) Juli/August 1999

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Wo bin ich zu Hause?

von Imke Liegmann

In meinen Kindheitstagen begannen alle Geschichten wie im Märchen mit «Es war einmal». Ich erinnere mich an ein rotes Plüschsofa mit dicken, bestickten Kissen. Eine goldschimmernde Decke mit langen Fransen, deren vier Zipfel bis zum Boden reichten, verbarg die hochglanzpolierte runde Tischplatte, die auf einer Mittelsäule mit mächtigen Löwenfüßen ruhte.

An diesem Tisch im Wohnzimmer meiner Großmutter, welches sie „Salon" nannte, verbrachten meine beiden Schwestern und ich lange Winternachmittage, während meine Mutter mit dem Bollerwagen unterwegs war, um Holz oder Eierkohlen für die „Brennhexe" und allerlei anderes Brauchbare zu hamstern. Die Beute solcher Hamsterzüge war stets in einen braunen Kartoffelsack gehüllt und wir bekamen sie niemals zu Gesicht, so sehr wir auch unsere fünf Sinne anstrengen mochten: der Inhalt des Sackes war und blieb „streng geheim". Ich war etwa vier Jahre alt und stellte mir vor, daß meine Mutter ungeheure Schätze, wie Gold und Silber darin vor unseren Augen verbarg. Manchmal flüsterte sie mit meiner Großmutter im Nebenzimmer und dann hörte ich schwere Schritte die Treppe zum Keller hinuntergehen. Gewiß war dort der ganze Schatz vergraben!

„Wünscht mir Glück, Kinder, ich bin bald wieder da und seid brav solange" war das tägliche Aufbruchsignal. Die Wartezeit bis zu ihrer Rückkehr verkürzte unsere Großmutter mit allerlei Geschichten aus der „guten alten Zeit". „Erzähl doch, Größchen, wie es damals war bei Euch Zuhause", bettelten wir. Und meine Großmutter ließ sich nicht lange bitten. Bereitwillig und lebhaft malte sie uns mit ihrer altmodischen Sprache den uns unermeßlich erscheinenden Reichtum einer vergangenen Epoche aus. „Ja, damals, zu Kaisers Zeiten", begannen die Geschichten vom Mädchenpensionat, wo alle Schülerinnen Blusen mit weißen, ausknöpfbaren Stehkragen trugen, der Klavierstunde beim Fräulein, das unserer Großmutter mit endlosen Fingerübungen zusetzte, dem alten Tanzlehrer, der den jungen Damen den langsamen und den Wiener Walzer und den Hofknicks für die Ballsaison beibrachte. Vor meinem inneren Auge erstanden hellerleuchtete Festsäle mit herausgeputzten Tanzpaaren oder das verträumte Lächeln des Fräuleins, wenn sie den schwarzen oder weißen Tasten einen zaubrischen Klang entlockte. Was meine Großmutter auch erzählte, in meiner Phantasie nahm es märchenhafte Dimensionen an. Und ich fand es traurig, daß all diese Herrlichkeiten einer Vergangenheit angehörten, an der ich keinen Anteil hatte.

Eine tiefe Sehnsucht nach dem goldenen Vlies einer verlorenen Zeit nahm mich gefangen. Ich träumte mich fort aus der bedrückenden Nachkriegsenge, der Trümmerlandschaft dieser Stadt, in der wir nicht Zuhause, sondern nur eine geduldete Flüchtlingsfamilie waren. Als wir im Frühling, der diesem Winter folgte, meine Großmutter in der Fremde begruben, schien mit ihrem hölzernen Sarg die märchenhafte Phantasiewelt meiner Kindheit zu versinken. Meine Kinderträume waren ein Aus-dieser-Zeit-Gehen, ein Tauschgeschäft: Die Illusion als Spiegelbild der Sehnsucht nach einem Zufluchtsort, eingetauscht gegen die unaushaltbare bittere Realität meiner kindlichen Verlorenheit in der Fremde. Seit dieser Zeit ist das Wort „Heimat" ein Suchbegriff in meinem Leben geblieben. Stets trug er mir eine Sehnsucht vor nach etwas Verlorenem, etwas – durch Krieg und Schuld – Genommenem.

So begann meine lange Ich-Reise ins Bin. Die heimwehkranken, rückwärtsgewandten Bilder meiner Großmutter hatten in mir eine tiefe Sehnsucht ausgelöst nach einem eigenen Zuhause, dem Ort, an dem ich wirklich bin. Ich machte mich auf den Weg. Der feste Glaube, ein Ziel zu haben, das ich auch erreichen würde, gab mir die Kraft, aufzubrechen. Auf dieser Wanderung begegneten mir meine guten wie auch meine bösen Geister. Mahnten die einen mich mit sanfter Stimme: „Anerkenne, was ist, sei was du bist", flüsterten die anderen mir ins Ohr: „Nimm, was du haben kannst. Zeig, was du hast, damit du was bist". Hin und hergerissen zwischen „Sein" und „Haben", entschied Ich mich mal für dieses, mal für jenes. War es mein Haus, mein Garten, waren es Reisen in fremde Länder, war es die Arbeit? Wohin gehörte ich? Wem gehörte ich? Wem gehörte meine Liebe? War es meine Familie, waren es meine Kinder? Waren es andere Menschen, waren es meine Freundinnen und Freunde? Auf der Suche nach meinem Weg nach Hause lief ich in alle Himmelsrichtungen und verlor mein Ziel aus den Augen. So hin- und hergerissen fühlte ich mich mal im Himmel, mal in der Hölle. Mein Lebensweg verlor sich in meinem selbst erschaffenen Labyrinth. Und plötzlich ging es nicht mehr weiter. Ich hatte die Orientierung verloren.

In dieser Zeit tiefer Niedergeschlagenheit entdeckte ich den „Faden der Ariadne" wieder, diesen Lebensfaden, der mir nie ganz abhandengekommen war: meine Sprache. Sie war mein Weg.

Am Anfang war der Bilderansturm meiner Kindheit gewesen, der sich allmählich zur Sprache geformt hatte. Es waren diese Bilder, die mich gewissermaßen „ausbildeten". Sie legten eine Spur durch das Labyrinth meines Lebens, die mir nun half, herauszufinden. Herauszufinden, wo ich zu Hause sein wollte.
Der obige Text erschien in der Ausgabe 5 des „Zeichen", des Rundbriefs des Vereins zur Förderung seelischer und körperlicher Gesundheit e.V.. Imke Liegemann, Körnerstraße 25, 22301 Hamburg, Tel: 040 / 27 80 62 00.


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