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Was ist Gemeinschaft?
Eigentlich klar, oder, dachte ich mir – und habe mich dann doch auf die Suche nach einer genaueren Antwort gemacht. Die Sprachwissenschaftler schreiben dazu: Gemeinschaft beinhält die Silbe mei-, was für wechseln, tauschen steht. Im Germanischen bedeutete gemein ursprünglich mehreren abwechselnd zukommend, woraus sich die Bedeutungen gemeinsam und gemeinschaftlich entwickelten.
Aus der Meinung, was allen gleichermaßen zusteht könne nicht wertvoll sein, entwickelte sich auch die Bedeutung gemein im Sinne von gewöhnlich bis hin zu niederträchtig. Eine Gemeinschaft schließlich ist, nach allgemeiner Definition, eine Gruppe, die etwas miteinander teilt oder deren Mitglieder in bestimmten Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Interessen übereinstimmen.
Es existieren demnach unzählige Formen von Gemeinschaften, auf nahezu jeder Beziehungsebene und aus den verschiedensten Gründen. Es gibt wohl keinen Menschen und kein Wesen, welches nicht in irgendeiner Weise einer oder mehreren Gemeinschaften angehört. Wir wachsen in Familien auf, mit deren Mitgliedern wir biologisch vieles gemeinsam haben; wir verdienen unser Geld in Betrieben gemeinsam mit anderen, deren Gesinnung auch nach Geldverdienen steht; wir leben in Gemeinden innerhalb von Staaten-Gemeinschaften (gewollt oder ungewollt); oder wir sind Mitglied in der regionalen Forstgemeinschaft.
Das Institut für Soziologie der Uni Münster bezeichnet Gruppen von Individuen, die sich aufgrund ähnlicher Interessen zur besseren Erreichung der individuellen Ziele zusammenschließen, als soziale Gemeinschaften. Solche Gemeinschaften gibt es aus privaten Interessen (Fußballverein, Skatclub), aus religiösen (Kirche, Glaubensgemeinschaft) oder politischen Motiven (Partei, Gewerkschaft) und als ökonomische Organisationen (Genossenschaft, GmbH). Sie beschränken sich in der Regel auf einen Aspekt des Lebens aller Mitglieder oder eine gemeinsame Aufgabe und lassen das Private außen vor – was nicht heißen soll, dass wir im Kleingartenverein oder der Genossenschaft nicht unsere besten FreundInnen oder gar unsere LebenspartnerInnen finden können.
Ursprünglich, in manchen nicht-industriellen Kulturen noch heute, werden alle Menschen in Lebensgemeinschaften geboren, die mehr als eine Familie umfassen.
Das Leben selbst ist fest mit der Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer Sippe, einem Dorf verbunden, und einer rein individualistischen Lebensführung wird wenig Wert beigemessen. Solche Gemeinschaften werden auch als primäre, also von der sozialen Bedeutung der Familie gleichzusetzende Gemeinschaften bezeichnet. Dabei sind existentielle Lebensgrundlagen häufig Stammesbesitz, Aufgaben werden von der Dorfgemeinschaft definiert und vom Einzelnen für diese erfüllt.
Hier lebt der Mensch ganz selbstverständlich in und für die Gemeinschaft und diese fühlt sich für das Wohl jedes ihrer natürlichen Mitglieder verantwortlich. Diese Sorge drückt sich unter anderem in traditionellen Ritualen aus, mit denen Neugeborene oder Mann- und Fraugewordene in den Stamm feierlich aufgenommen werden.
Wovon wir in eurotopia berichten, sind Gruppen von Menschen, die sich bewusst und aus freien Stücken dafür entscheiden, ihre private Lebenszeit, -vorstellungen und -werte miteinander zu teilen und dazu zusammenzuleben. Hier können wir von intentionalen oder auch Wahl-Gemeinschaften sprechen. Menschen, die sich für ein Leben in solch einer Gemeinschaft entscheiden, gehen im Idealfall absichtlich intensivere Beziehungen mit anderen ein, lassen sich emotional aufeinander ein, stellen ihr Tun und Lassen freiwillig in den Dienst des Gemeinwohls der Gruppe und damit anderer Menschen. Sie öffnen im Idealfall auch den Vorhang, der üblicherweise das Private umgibt, und machen sich erkennbarer für die anderen.
„Gemeinschaft ist ein Kreis von Menschen, die sich kennen und annehmen, und die sich in ihrem Wachstum gegenseitig unterstützen - Menschen, die sich vertrauen und einen Teil ihrer Lebensenergie einem größeren Ganzen widmen.“
(Corinna Felkl/Sieben Linden)
Gemeinschaftsintensität
Wie weit geht denn nun die Intensität des Zusammenlebens in Gemeinschaft?
Hier gibt es die verschiedensten Abstufungen: von der Nachbarschaft über die (Zweck-)WG bis hin zur Kommune (wobei auch diese Begriffe nicht überall gleich verstanden werden). Während in einer nachbarschaftlich organisierten Siedlung (wie etwa Co-Housing-Projekte in Dänemark) die Familie nach wie vor an oberster Stelle steht und in einem eindeutig abgegrenzten Territorium, der familiären Wohnung, lebt, sind in einer Kommune diese privaten Strukturen mindestens räumlich, wenn nicht gar sozial aufgelöst: Es werden gemeinsame Küchen genutzt, um die Kinder wird sich oft gemeinsam gekümmert und das Geld wird kollektiv verdient.
Während in einer Ökosiedlung die meisten Entscheidungen private (Individuum, Familie, Haushalt) sind, reichen die gemeinsamen Entscheidungen in Kommunen wesentlich weiter in Bereiche wie Güterbeschaffung, Essgewohnheiten, berufliche Tätigkeit oder gar Kindererziehung hinein. Die loseren Gemeinschaften werden daher manchmal als sekundäre Gruppierungen bezeichnet, während kommunitäre Lebensformen zu den primären wie Familie oder Paarbeziehung gezählt werden. Während sekundäre Gemeinschaften durchaus Größen von mehreren Hundert oder gar Tausend Mitgliedern erreichen können, bleiben die primären Gruppen aufgrund der intensiven Beziehungen meistens deutlich darunter.
Das Buch eurotopia stammt von Menschen, die Mitglieder zweier Gemeinschaften sind: der Kommune Club99 mit weit ins Private reichenden Vereinbarungen und gleichzeitig der sie umgebenden Dorfgemeinschaft Ökodorf Sieben Linden, deren Ziel es ist, ein bis zu 300köpfiger Gesamtorganismus aus kleineren Nachbarschaften zu werden. Mischformen sind also möglich und stehen für verschiedene Qualitäten.
Gemeinschaftsbewusstsein und Individualität
Gemeinschaften zeichnen sich in der Regel durch ein Gruppenbewusstsein aus, durch eine nicht immer leicht zu fassende Vorstellung davon, wer Wir als Gruppe sind. Der einzelne Mensch als Individuum (= das Unteilbare) steht in lebendiger Beziehung zur ihn umgebenden Gemeinschaft. In der positiven Form fühle ich mich als Einzelne/r darin sowohl als eigenverantwortlicher Mensch mit betonter Eigenart wie auch als Teil eines größeren Organismus, der eine äußere Form und Identität aufweist und mit der ich mich identifiziere. Durch das Erleben meiner Eigenart in diesem Spannungsfeld und durch das unmittelbare Feedback mir vertrauter Menschen zu meiner Person bekomme ich als Einzelne/r erst ein klares Bewusstsein dafür, wer ich in Gesellschaft anderer bin und wie ich auf diese Welt wirke. Mit dieser Erkenntnis, die sich immer weiterentwickelt, kann ich mich dafür oder dagegen entscheiden, ein gemeinschaftsfähiger Individualist zu werden, der sich seiner Stärken und Schwächen, seiner Fähigkeiten und Bedürfnisse bewusst ist und mit diesen in ein Wechselspiel gegenseitiger Befruchtung und Bereicherung mit der Gemeinschaft tritt.
Nach Hans-Peter Dürr ist das erfolgreiche Prinzip der Natur das des Plussummenspiels:
Der Vorteil des Einen ist im Gesamtzusammenhang auch der Vorteil des Anderen. Wenn ich mit meinem Engagement, meiner Liebe ein anderes Mitglied der Gruppe fördere, so wird sich das positiv auf mein Umfeld Gemeinschaft und wiederum auf mich selbst auswirken. Die negativen Erfahrungen mit dem lange gelebten Modell der gegenseitigen Konkurrenz und des Lebens auf Kosten anderer werden uns immer bewusster, gerade um so mehr die Menschheit sich durch die Globalisierung ihrer unausweichlichen gegenseitigen Auswirkungen aufeinander bewusster wird: Wir nehmen uns nicht mehr als unabhängig, sondern als Weltgemeinschaft wahr.
Dass es auch anders kommen kann, zeigt die Menschheitsgeschichte, welche voller Beispiele für negative Ausprägungen eines Gruppenbewusstseins ist. Wenn das Wir zum Ersatz wird für ein fehlendes positives Selbstbewusstsein, entsteht leicht eine Abhängigkeit von der Gruppenidentität und -stärke mit negativen Auswirkungen. In anderen Fällen entwickeln Gemeinschaften/Gesellschaften absolutistische Strukturen, die abweichende Gesinnungen und Handlungen mit Bestrafung unterdrücken. Wir brauchen uns hier nur an Glaubenskriege religiöser Gesellschaften und die Inquisition erinnern oder an den Wahn faschistischer und rassistischer Systeme in den verschiedensten Kulturen.
In unseren zivilisierteren Gesellschaften scheinen solche Tendenzen schwächer zu sein oder sind schwerer erkennbar. Doch auch hier kann die Zugehörigkeit zu einer Gruppe dazu führen, dass deren Mitglieder eine diffarmierende bis kämpferische Abgrenzung gegen anders Denkende entwickeln. Hiervor sind auch politisch und/oder spirituell aufgeklärte Gruppierungen/Gemeinschaften nicht grundsätzlich gefeit. Die Art der gezogenen Grenze zwischen Dir und Mir, zwischen Wir und Ihr entscheidet, ob eine Gruppe im kritischen Dialog eine Bereicherung für das Ganze wird (den Frieden fördert) oder zu einer Bedrohung (Krieg provoziert).
Die Gemeinschafts-Idee
Viele intentionale Gemeinschaften haben eine gemeinsame Vision formuliert, eine Utopie als Idealvorstellung von einer anderen Welt oder einem anderen Gesellschaftszustand. Gemeinschaft soll damit nicht nur das Bedürfnis nach mehr Beziehung erfüllen, sondern bietet einen Experimentierraum für alternative Lebensentwürfe. Die Kommunen der 68er waren als Antwort auf die repressive Normalität des Wirtschaftswunders Orte expressiv gelebter Freizügigkeit, Nonkonformität und Herrschaftsfreiheit. Landkommunen waren und sind Antworten und Alternativen zur Abhängigkeit der städtischen Kultur von Arbeitsplätzen, Nahrungs- und Energielieferungen. In die Klöster des Mittelalters traten nicht nur in die Keuschheit sich Flüchtende ein, sondern auch gesellschaftskritische Menschen, die unter dem Schutz der Kirche ihre Theorien entwickeln und Forschung betreiben konnten.
Es entwickelten sich auch Ordensgemeinschaften, die gemeinsam einen Glauben lebten und praktizierten, der bekennenderweise geltende kirchliche Normen und Hierarchien ablehnte.
Auch heute können die meisten Gemeinschaften als Modellprojekte zukunftsfähiger und gesellschaftsverändernder Lebens- und Wirtschaftsweisen identifiziert werden. Viele tragen ihre Erfahrungen mit der gelebten Idee deswegen bewusst in die Öffentlichkeit. Nicht zu letzt ist der verbindende und die Gruppenenergie stärkende Aspekt einer gemeinsam formulierten und getragenen Vision für Gemeinschaftsbildung von Bedeutung.
Die Gemeinschaften, die Ihr in eurotopia findet, haben zum Teil ähnliche Charakteristika; aus anderen Perspektiven wiederum unterscheiden sie sich stark voneinander.
Mit der Rückseite unserer Fragebögen an die Gemeinschaften hatten wir diesen eine Auswahl an Schlagworten zugesandt, aus der sie die am ehesten für sie zutreffenden ankreuzen konnten. Mit dieser groben Charakterisierung wollen wir zusätzlich zu den Selbstdarstellungen der einzelnen Gemeinschaften einen einfacheren Überblick ermöglichen. Man kann damit natürlich auch verschiedenste statistische Auswertungen zum Selbstverständnis/zur Gemeinschaftsidee anstellen.
Die 364 im Verzeichnis von eurotopia beschriebenen Gemeinschaften haben sich folgendermaßen selbst charakterisiert:
71 % bezeichnen sich als ökologisch
52 % sind gewaltfrei
42 % empfinden sich als spirituell
33 % machen biologische Landwirtschaft und
32 % betreiben Selbstversorgung
32 % leben mindestens vegetarisch und
7 % sogar vegan
24 % machen Friedensarbeit
21 % haben ein linkes Politikverständnis
8 % sind anarchistisch gegenüber
3 % hierarchisch
6 % sind Anhänger der Freien Liebe
Eine Gemeinschaft (0,003%) ist anarchistisch und hierarchisch zugleich !?!?
Brauchen wir Gemeinschaften?
Wir eurotopianer/-innen behaupten:
Die Welt braucht Gemeinschaft, mehr Gemeinschaft als je zuvor!
Je getrennter die Menschen und Kulturen voneinander leben, desto zerstörerischer scheint ihr individueller und kollektiver Einfluss aufeinander und auf die Natur zu sein. Im Verlauf der industriellen Revolution ist der Sinn für das Gemeinwohl stetig verloren gegangen. Der Mensch wurde Wirtschaftsfaktor und kalkulierbares Systemelement: Wir sind heute aus Sicht der sogenannten „Mächtigen“, der Medien, aber auch im Blick aufeinander vor allem Konsumenten (überflüssiger Güter), Arbeitnehmer oder -geber, Investoren, Eigenheimbauer, Sparer, Begabte, Behinderte, Soldaten, Sicherheitsrisiken. Wir selbst haben dabei die eigene Individualität zum erstrebenswerten Charaktermerkmal an sich erhoben. Auf der anderen Seite werden wir mit unserer Kreativität, unserem Schöpfungsdrang, unserem Wunsch nach Selbstverwirklichung, unserer Suche nach Lebenssinn immer überflüssiger oder gar zum Problemfaktor. Wir identifizieren uns mit Symbolen und Gegenständen, mit Haben und Tun, legen aber viel Wert darauf, uns von unseren Mitmenschen möglichst stark zu unterscheiden. Die Individualität wird zur Konkurrenz, die anderen sollen es nicht besser haben als man selbst, Krieg zwischen Individuen wie zwischen Staaten ist zur Sicherung der Existenz ein leider unvermeidbares Mittel.
Doch der Beginn einer Umkehr dieser Entwicklung ist zu erkennen. Je globaler das Bewusstsein wird, je mehr die Menschheit erkennt, dass unsere Schicksale voneinander abhängen und wir gemeinsam auf einem Irrweg sind, desto spürbarer wird der übereinstimmende Wunsch nach einer Neubesinnung. Wer immer sich mit den Ursachen der menschlichen Misere ganzheitlich befasst, findet zur Notwendigkeit eines Wertewandels: Mensch und Menschheit brauchen mehr Kontakt und Beziehung zu anderen fühlenden Wesen, brauchen Ausdruck der inneren Sehnsüchte, Lebenssinn durch sinnvolle Betätigung, Verbindung zur Natur und natürlichen Lebensgrundlagen, Frieden miteinander, Kooperation, gegenseitige Unterstützung und Gemeinsinn.
Ich will damit nicht sagen, dass Wahlgemeinschaften, wie sie in diesem Buch vorgestellt werden, die Lösung für alle Probleme sind. Und die Tatsache, dass viele Menschen aus Gemeinschaften wieder aussteigen und Gemeinschaftsinitiativen scheitern, bedeutet sicher auch, dass das Prinzip Lebensgemeinschaft in manchen Fällen nicht passt. Nach meiner Überzeugung aber bieten sie alle Möglichkeiten für den notwendigen Wandel, können Keimzellen eines neuen Bewusstseins sein, Lernstätten für kooperative Verhaltensweisen und Experimentierräume für zukunftsfähige Lebensstile. Und das sowohl für die Gruppen als Ganzes als auch für den/die Einzelne/n darin.
Wenn alle Mitglieder eine lebendige Balance untereinander verspüren, dann wird Gemeinschaft zu einem Ort großer Leidenschaft und tiefer Zufriedenheit. (Lillian Downey)
Entnommen aus dem „eurotopia-Verzeichnis: Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“, www.eurotopia.de
Vielen Dank für die Genehmigung zum Abdruck.
Foto: © sonya etchison - Fotolia.com
Portrait: Martin Stengel
Martin StengelJg. 66, lebt seit 18 Jahren in Gemeinschaft und ist Mitgründer des Ökodorfes Sieben Linden und des Club99.
Ingenieur für Energietechnik und Lehrer zu nachhaltigen Technologien, insbesondere Hausbau mit Strohballen; Musiker und Chorleiter; gibt internationale Workshops in Gemeinschaftsbildung und nachhaltiger Lebensweise.
Mit-Herausgeber des eurotopia-Verzeichnis.
www.eurotopia.de , www.oekodorf7linden.de
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