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„Bete nur zu Gott oder Jesus Christus“, sagte er. Und das tat Wiebke auch gerne und aus reinem Herzen. Aber dann kam die Sturmnacht, wo der Wind die Dächer in Reinsbüttel, unweit der tobenden Nordsee, zum Teil oder ganz abdeckte. Er pfiff und heulte. Er brüllte. Er fegte durch die Kastanienbäume und versprühte einen nicht endenwollenden Regen. Und in den kleinen Reetkaten saßen die Menschen und beteten. Auch Wiebke und ihr Pastor. Doch als der Wind das Dach mit großen, krachenden Händen zu packen schien, rief Wiebke in größter Not den Spruch, den sie von der Großmutter gelernt hatte:
Wind, Wind, himmlisches Kind!
Blase die Finsterlinge fort mit Mut,
den alten Drachen, die Schlangenbrut !
Schütze mich Wind, ich bin ein himmlisches Kind.
Da hielt der Wind ein, jaulte noch einmal auf und raste zum nächsten Haus. Doch die kleine Reetdachkate mit ihren niedrigen Zim-merchen blieb verschont. Aber der Pastor löste die Verlobung mit Wiebke, weil sie nicht christlich genug sei, um mit ihm und seinem Amt zu leben. Er war der Ansicht, dass die Lehre des Jesus von Nazareth, so wie er sie verstand, durch den Glauben an die Beseeltheit der Elemente verunreinigt würde. Er war vom alten Schrot und Korn, unbeugsam und buchstabengetreu, ein Dithmarscher Pastor. Aber er war ein guter Hirte. Und so ging Wiebke, das gute Kind, weiter zu ihm in die Kirche, um zu beten. Und er nannte sie schmerzlich weiterhin eine Windbraut. Aber er heiratete eine Andere.
Bald aber musste er feststellen, dass das, was er für die liebliche Wiebke eingetauscht hatte, ein Drachen war, äußerlich wohl ein schöner, doch innerlich ein giftiger. Er betete für sie umsonst um Erleuchtung, denn sie scheute das Licht. Das drückte ihn sehr und schwer, aber er musste einsehen, dass seine Frau von dunklen Mächten umgeben war. Und gerne hätte er den Wind um Hilfe gerufen, wagte es aber nicht.
Und als nun die Nebelzeit kam und der dunkle Winter, der Menschen und Seelen bedrückt, weil das Licht fehlt, das äußere und innere Licht, überprüften die Dithmarscher wieder ihre Reetdächer, besserten aus, zurrten fest, um vor der Kraft des Windes zu bestehen.
Und dann kam die Sturmnacht, in der der entfesselte Wind das schöne großes Reetdach des Pastorhauses abdeckte, in der die Balken unter seiner Wucht krachten und zersplitterten und sich die äußeren Kräfte mit den inneren Kräften der Pastorengattin messen wollten.
Denn die war kein himmlisches Kind, und so konnte der Wind sie mitnehmen, durch die Lüfte schleudern, zum Spielball machen, so wie die dunklen Mächte diese Frau längst schon zu ihrem Spielball gemacht hatten. Und deshalb konnten diese dann auch dem Wind ihr Eigentum entreißen und mitnehmen in ihre letzte Bastion in der Erde. Der Pastor war nun Witwer, aber keineswegs, wie es die Gemeinde erwartete, ein gebrochener Mann. Eigenhändig deckte er wieder sein Reetdach, mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen. Wann hatte man den Pastor je fröhlich und singend gesehen?
Und als er sein Dach ausgebessert hatte, bat er Wiebke um ihre Hand. Er drängte, nach einer kurzen Verlobungszeit, schnell zur Heirat. Er hatte es eilig und viel nachzuholen. Denn er wusste, dass nach den dunklen Nächten nun endlich für ihn die Sonne scheinen würde. Und zärtlich nannte er seine Frau seine Windbraut und er ließ sie beten, was sie wollte, mischte sich nicht mehr ein, sondern partizipierte von ihrer Wärme und ihrer Liebe. Sie war wirklich ein himmlisches Kind, und er entspannte sich an ihrer Seite, wurde weicher, weiter – und erfasste endlich, was Liebe bedeutet, Liebe zu einem Menschen und Liebe zu vielen Menschen und Seelen und damit zu Gott. Und in diese Liebe schloss er nun endlich auch den stürmischen Wind der Veränderung mit ein, das aufschäumende Wasser der Gefühle, das lodernde Feuer der Liebe und die große Geduld der Erde mit ihren unwissenden Menschenkindern. Dankbar schrieb er über die Tür seines Hauses:
„Es gah uns wol up unse olen Dage!“
Der Text und die Zeichnungen stammt aus dem Buch „Träume und andere Botschaften der Seele“ von Anne Christin Leser, Leser Verlag Wertheim.
Vielen Dank für die Genehmigung zum Abdruck.
Anne Christin Leser Jahrgang 1944. Seit 30 Jahren auf dem sogenannten inneren Weg, dem mystischen Pfad des inneren Christentums. Erst mit 55 Jahren Ausbildung als Astrologin und Entwicklung zur spirituellen Astrologie und Traumdeutung.
Autorin der Bücher:
Es war einmal … - die 12 Sternzeichen in Märchen und Geschichten,
Träume und andere Botschaften der Seele, Zurück zur Natur - mit dem Bummelzug oder Schnellzug und Vorbereitung auf den Ernstfall, wenn nach ‚7‘ fetten Jahren ‚7‘ magere Jahre folgen …
www.leser-verlag.de, Probelesen: www.maerchenleser.de
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