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Faszination Qigong: Gesund und lange leben
Eine Reise durch die Geschichte von Qigong und den 10.000 Dingen im Universum
Teil 2 – Von Petra Hinterthür

Die 10.000 Dinge im Universum und im Altag
Die Entwicklung der 10.000 Dinge und damit auch des Qigong war im alten China immer mit einer höchst philosophischen daoistischen Betrachtungsweise verbunden. Daoistisches Denken gilt nicht als strukturiert, rational oder zielgerichtet, so wie wir es im Westen gewohnt sind, sondern eher als assoziativ, spontan und intuitiv. Bei den Daoisten ist immer alles ungefähr und nicht wissenschaftlich. Dem Daoismus geht es stets darum, Konditioniertes und Festgefahrenes aufzulösen und zur Einfachheit, Spontanität und Freude zurückzukehren. Bevor wir jedoch zum Ursprung oder zum Dao zurückkehren können, möchte ich hier das erste (von vier) daoistische Evolutionsmodell vorstellen.
Erstes Evolutionsmodell
Am Anfang stand das Dao – die Mutter des Kosmos und des schöpferischen Seins der 10.000 Dinge.
Die Evolution des Menschen und seiner Kultur begann, nach heutigem Wissensstand, in vielen Ländern der Welt mit dem Symbol des Weiblichen, der Göttin und des weiblichen Schöpfungsprinzips. Am Anfang stand in der chinesischen Kosmologie das abstrakte weibliche Prinzip, das später von den Chinesen „Yin" genannt wurde, symbolisiert durch das Bild des stillen und mysteriösen Nebels, des tiefen Tals oder der Urkraft des fließenden Wassers. Die Daoisten sagen, dass alles aus dem Dao entsteht und zum Dao wieder zurückkehrt. Es ist ein unendlicher, natürlicher und grenzenloser Kreislauf.
Das Dao ist purer, alles durchdringender, abstrakter Geist. Es gibt im Dao keine Dualität. Alles entfaltet sich absichtslos und natürlich nach einem kosmischen Gesetz. Dao wird für uns verständlich mit „Weg" übersetzt, doch sagt es nichts darüber aus, welcher Weg damit gemeint ist, wie der Weg aussieht und wie lang er ist. Es gibt dafür keine Wegbeschreibung, die du kaufen, in einer Zeitung lesen oder im Fernsehen sehen kannst. Der erste Schritt ist in jedem Fall der Weg in die Stille und Absichtslosigkeit.
Die universellen 10.000 Dinge des Dao sind als der mystische Urgrund der Schöpfungsgeschichte zu verstehen, wie ein kosmisches Paradies, in dem 10.000 unglaubliche Dinge geschehen. Der Weg zum Dao ist wie ein Pilgerweg. Du weißt nicht, was dich alles erwartet und ob du am Ziel ankommst.
Aus dem Dao entstand das Eine:
Wuji – das äußerst grenzenlose Nichts
Wuji gilt als das äußerst Grenzenlose, Allerhöchste und Ursprünglichste, schlicht das „Nichts" oder die „Leere" genannt. Wörtlich übersetzt heißt es: Wu = ohne, nichts, nicht vorhanden, ji = Extrem, höchster Grad, Gipfelpunkt.
Der Zustand des Nichts oder der Leere (wu) bedeutet nicht, dass gar nichts vorhanden ist. Ganz im Gegenteil, es ist die Quelle der Fülle und aller evolutionären Entwicklungen und schöpferischen Kräfte und deshalb dem Dao sehr nahe; nur stellt das Dao noch eine höhere Stufe des Nichts dar. Es ist beseelt mit allem und dennoch vollkommen losgelöst von allem. In diesem Zustand des kondensierten, leeren Hauchs, gibt es immer noch kein dualistisches Denken.
Im Dao und Wuji ist nichts getrennt und nichts vereint, sondern symbolisiert auf einer höheren geistigen Ebene eine universelle, dynamische Harmonie, eine innere Erfahrung, in der es weder Objekt noch Subjekt gibt.
Aus dem Einen (Wuji) entstand die Zwei:
Taiji – und damit Yin und Yang
Aus dem äußerst grenzenlosen Wuji entstand das äußerst grenzenhafte Taiji. Aus dem Taiji ging dann die gesamte Welt der Erscheinungen hervor, bis zu den „10.000 Dingen". In der daoistischen Tradition bezeichnet das Taiji vor allem die Einheit der komplementären Polaritäten und der sich ergänzenden Gegensätze, auch Yin und Yang genannt. Aus der ungeteilten, nicht-dualistischen Einheit wurden Yin und Yang als zwei gleichgewichtige Aspekte geboren: Erde-Himmel, weiblich-männlich, Mond-Sonne, Wasser-Feuer, Entspannung-Stress, um nur einige Aspekte zu nennen. Ohne die schöpferische Interaktion zwischen Yin und Yang gibt es kein Leben und keine Harmonie. Das Wechselspiel zwischen diesen beiden polaren Kräften und das Wissen um diese beiden Aspekte, die durchdringen, erzeugen, begrenzen und sich untereinander ständig ausgleichen, ist ein elementarer Bestandteil im Qigong.
Die scheinbar gegensätzlichen Pole sind voneinander abhängig. Schöpfung und Schöpferin sind eins. Ohne das Eine kann das Andere nicht existieren oder schöpferisch wirken, z. B. gäbe es ohne Dunkelheit keine Helligkeit und umgekehrt und ohne den Winter keinen Sommer. In China wird Gesundheit als ein ausgewogenes Verhältnis von Yin und Yang definiert. Du bist gesund, wenn deine Fähigkeiten und Kräfte stark genug sind, um Yin und Yang auszugleichen.
Aus der Zwei entstand die Drei:
Himmel, Erde, Mensch
Himmel und Erde setzen dem Menschen Grenzen. Dazwischen kann der Mensch machen, was er will. Himmel (Yang), Erde (Yin), Mensch (Yin/Yang) sind ein archaisches Dreigestirn, dem in wunderschöner Weise Yin und Yang gleichwertig innewohnen.
Das Symbol der Drei-Einigkeit oder -Einheit ist das gleichseitige Dreieck. Es ist ein religiöses Ur-Symbol, das es seit prähistorischer Zeit in fast allen Kulturen gibt.
Das mit der Spitze nach unten zeigende Dreieck symbolisiert das weibliche Geschlecht (Yin) und steht für das weibliche Prinzip allgemein, sowie für Fruchtbarkeit und den Mutterschoß, der auch als Kelch bezeichnet wird, Gefäß der Empfängnis oder als Symbol der großen Göttin.
Das mit der Spitze nach oben zeigende Dreieck ist die Versinnbildlichung des Männlichen (Yang). Es steht für männliche Zeugungskraft, die wie Feuer nach oben züngelt, in dessen Hitzestrom Spermien oder geistig-spirituelle Kraft strömen.
Verschieben sich die beiden Dreiecke ineinander, entstehen schöpferische Kräfte, im Idealfall als Zeichen der Liebe zwischen dem Weiblichen und Männlichen, oder, im tantrischen und alchemistischen Sinne, als innere Liebeshochzeit in ein und derselben Person.
Es symbolisiert sowohl eine materielle Verbindung als auch eine göttliche Verschmelzung von Yin und Yang, von Himmel und Erde. Das Dreigestirn von Himmel-Erde-Mensch steht für das Verschmelzen der Unendlichkeit des Himmels und der Erde.
Im Zustand der tiefsten Weite werden die drei Aspekte eins. Dieser philosophische Gedanke steckt auch dahinter, wenn Qigong-Übungen als Entspannungsübungen bezeichnet werden.
Aus der Drei entstanden die 10.000 Dinge
Das Dao entstammt dem Sein der universellen 10.000 Dinge, wie du oben gelesen hast. Hier geht es aber in die andere Richtung und heißt, aus der Drei entstanden „die 10.000 Dinge des Lebensalltags" und damit der „staubigen Welt".
Das bedeutet, dass das Leben nicht einfacher, sondern komplexer und komplizierter wird.
Da gibt es nur eins: die Rückkehr.
Die Rückkehr aus den 10.000 alltäglichen Dingen zum ursprünglichen Dao
Kehre zurück in die Stille. Werde still.
Doch nach einiger Zeit des Übens merken die Herz-Affen oder Steppenpferde, dass diese Übungen genau die richtigen für sie sind. Still werden heißt, weiterhin ein aktives Leben führen zu können, aber immer häufiger Zeit für Ruhe, Muße, Reflexion und äußeres Nichtstun zu finden.
Zurückzukehren zum Dao bedeutet, sich mit Himmel und Erde zu verbinden (Drei-Einheit) und sich ihren Kräften anzuschließen, Yin und Yang in Einklang zu bringen (Taiji), sich langsam dem Wuji anzunähern, um sich dem Dao und den 10.000 Dingen des Universums mit ganzem Herzen öffnen zu können.
Bilder: Petra Hinterthür
Petra Hinterthür ist Heilpraktikerin für TCM, Kalligraphin und Autorin. (Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus ihrem Buch „Lotusblüten Qigong – Der Qigong-Weg der Frau", Windpferd Verlag)
www.petra-hinterthuer.de
Sie bietet zusammen mit ihren Kolleginnen Asta Eichhorst und Elvira Glück in Hamburg Qigong-Ausbildungen der Deutschen Qigong Gesellschaft an.
www.qigong-ausbildung-hamburg.de
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