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Seeleninfarkt

zwischen Burn- und Bore-out

Von Ruediger Dahlke

sonnenblume
Den Ausdruck Infarkt haben wir mittlerweile von der Grundsituation des Herzinfarktes auf verschiedene andere Situationen wie etwa den Verkehrsinfarkt übertragen, wenn auf den Straßen nichts mehr (weiter-)geht und alles zusammenbricht. Jegliche auf die Ferne und die Zukunft gerichteten Ziele der betroffenen Verkehrsteilnehmer spielen keine Rolle mehr. Man sitzt an Ort und Stelle fest und fühlt sich meist verzweifelt.
Die eigenen Ziele erscheinen plötzlich unerreichbar; Vorhaben sind blockiert, und man wird unerbittlich in den Augenblick gezwungen. Es ist eine Situation, die auf zentralen Stillstand hinausläuft und ein Gefühl vermittelt, das man in diesem Moment wohl ähnlich ablehnt wie ein Herzinfarktpatient seine Lebenssituation.


Beim Verkehrsstau macht sich verblüffende Entspannung breit, sobald sich die „Opfer" mit der Situation abgefunden haben und den erzwungenen Aufenthalt im gegenwärtigen Moment zu genießen beginnen. Auf der Autobahn schließen wildfremde Leute Bekanntschaft, teilen ihren Proviant, die Kinder spielen miteinander, und die Tabuzone Mittelstreifen wird zur Kontaktbörse. So kann das Beispiel Verkehrsinfarkt mit seiner unverhofften Landung im Hier und Jetzt den Weg zeigen, um den es beim Thema Seeleninfarkt und Burn-out gehen wird. Von der Krankheit geleitet, blitzen im Moment der Gegenwart sowohl Lösung als auch Chance durch.
Wir erleben, wie bei Arbeitsprozessen gnadenlos Zeit gespart werden soll; Unternehmensberater verfolgen vor allem dieses Ziel. Aber die eingesparte Zeit, die praktisch immer mit neuer Arbeit gefüllt wird, zahlt sich nur kurzfristig aus. Langfristig wird sie mehr als zurückgezahlt über lange Burn-out-Phasen und auch – als Kehrseite der Medaille – Bore-out-Phasen. Unter dem Strich zahlen wir alle dabei längst erheblich drauf.
Mit neun Millionen Burn-out-Opfern allein in Deutschland und über 50 Prozent Betroffenen unter den niedergelassenen Ärzten zeichnet sich eine wahre Lawine ab. Dagegen muten die offiziellen und journalistischen Analysen fast beschwichtigend an. Wörtlich heißt es in einer großen Studie: „Die Belastungswerte (laut Kopenhagener Burn-out-Inventar) sind auffallend ungünstig. Berufliche Belastungen erfordern, wie auch sportliche, gezielte Regeneration. 50 Prozent beschreiben die Erholungsmöglichkeiten im Arbeitsumfeld jedoch als schlecht, folglich geht ein Drittel der Studienteilnehmer ausgelaugt und emotional erschöpft nach Hause.
Erholung findet dann hauptsächlich am Wochenende statt, die abendliche nach einem Arbeitstag reicht nicht mehr. Einer von fünf Befragten hat nur noch selten oder nie Zeit für Familie oder Freunde." Die Studie unterscheidet zwischen Erholungsmöglichkeiten und Erholungsfähigkeit und findet: „Viele hoch belastete Mitarbeiter haben eine reduzierte Erholungsfähigkeit, das Abschalten fällt schwer, die Nutzung vorhandener Erholungsmöglichkeiten wird zur Überwindung." Diese Kombination sei das Fatale und „häufig nur noch mit fremder Hilfe lösbar".
Laut Spiegel Online ist Burn-out ein Massenleiden, das vor allem ehrgeizige Leistungsträger treffe, deren Ausfall die Wirtschaft Milliarden koste – in Schlagzeilen-Deutsch ausgedrückt: „Massenleiden Burn-out. Wie Firmen ihre Spitzenkräfte verbrennen" Das Magazin hat eine Erklärung parat, die der Schlagzeile jedoch widerspricht und die Verantwortung den Einzelnen zuschiebt: „Sie streben nach Perfektion – und scheitern an der Realität." Demnach wäre der Perfektionismus des Einzelnen die Ursache. In ähnliche Richtung tendiert die Wochenzeitung Die Zeit in ihrem Bericht zum Burn-out im Studium. Darin heißt es: „Burn-out ist zu einer Volkskrankheit geworden, die schon Studenten trifft: Weil sie keine Pausen machen."

Miriam Meckel, selbst betroffen, schreibt: „Ich habe die Anzeichen, die dem Zusammenbruch vorausgingen, nicht erkannt. Ich habe mich in vielen Situationen, in denen ich mich erkennbar nicht mehr stark fühlte, dennoch überschätzt und das Letztmögliche aus mir herausgepresst. Und ich habe einfach nicht glauben können, dass ich nicht immer so weitermachen kann. Ich habe es vor allem nicht glauben wollen, nicht einmal inmitten des Zustands der Erkrankung und vollständigen Erschöpfung."1
Was hier eine einzelne Karriere-Frau für sich selbst beschreibt, gilt letztlich längst für die ganze Gesellschaft. Seit Jahrzehnten werden Firmen von Unternehmensberatungen auf mehr Effizienz getrimmt, das heißt Leerlaufzeiten werden ausgemerzt, informelle Pausen gestrichen und der Druck erhöht mit dem Ergebnis von Entlassungen, höheren Aktien-Dividenden und Burn-out-Raten.
Wo alle Zeit zum Innehalten verschwindet, macht sich auch der innere Halt davon, und letztlich der Inhalt. Die Betroffenen werden haltlos und reagieren ungehalten, fühlen sich ausgenutzt und als Menschen missachtet. Mit dem Inhalt geht häufig auch der Sinn verloren, und in Sinnlosigkeit mischt sich rasch Hoffnungslosigkeit. Wo aber der Lebenssinn verschwindet, zeichnen sich Depressionen und Burn-out-Syndrome ab, zwei Krankheitsbilder, die übrigens von der Schulmedizin gar nicht unterschieden werden. Aus der Perspektive der deutenden Medizin von „Krankheit als Symbol" ist das sehr wohl möglich, steht doch bei der Depression das Thema „Beschäftigung mit dem eigenen Tod" weit im Vordergrund. Allerdings münden beide Syndrome in den Seeleninfarkt, wie auch der heute noch viel zu wenig beachtete Bore-out-Zustand. Tatsächlich können sich Menschen nicht nur zu Tode schuften, sondern auch langweilen.

Neben dem Verlust von Sinn ist es vor allem der enorme Zeit-Druck, der dem Seeleninfarkt Vorschub leistet. Durch die strengen Rationalisierungen und die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes ist die Lebensarbeitsstelle längst Vergangenheit. Stattdessen sind Zeit- und Leiharbeit angesagt und die Arbeitsverhältnisse werden folglich immer kürzer. Das nimmt den Betroffenen Sicherheit, Geborgenheit und innere Zuversicht. Ständig hin und her geschubst, projizieren nicht wenige ihren Zorn auf „die da oben". Diese aber weisen die Verantwortung von sich und verweisen auf den kollektiven Druck der Globalisierung oder den Perfektionismus der Einzelnen.
Da Projektion sowieso nie zu Lösungen führt, wollen wir den Blick auf das nächste große Feld der Gesellschaft, die Partnerschaft, lenken. Hier zeichnet sich nämlich eine ähnliche Entwicklung ab, allerdings ohne entsprechende Projektionsflächen. Denn wer wäre Schuld daran, dass die Ehe – bis dass der Tod euch scheidet – in die Lebensabschnittspartnerschaft übergegangen ist, die manchmal schon mit dem Adjektiv „aktuelle" weiter eingeschränkt wird.
Von der Großfamilie ging der Weg direkt über die Klein- und Einkind-Familie zu den sogenannten Dinks (double income – no kids: doppelte Einkommen, keine Kinder). Sie scheinen noch schlauer und moderner und schließlich endet alles im Singletum moderner Großstädte, wo One-night-stands Beziehungen ersetzen sollen.
Die Nachteile sind bei dieser Lebensform die gleichen wie in der modernen Arbeitswelt: fehlende Sicherheit und Solidarität. Wo aber soviel Schatten ist, muss nach dem Polaritätsgesetz auch Licht sein. Natürlich könnten wir aus der Perspektive der spirituellen Philosophie in den kürzer werdenden Zeitabschnitten in der Arbeits- und Beziehungswelt auch eine Aufforderung sehen, mehr in den Augenblick zu kommen und im Moment zu leben. Ganz im entspannt im Hier und Jetzt lautet die buddhistische Devise, statt völlig verkrampft im Wenn und Aber wie bei uns. Christlich werden wir aufgefordert, uns die Vögel des Himmels zum Vorbild zu nehmen, die weder säen, noch ernten und dennoch leben – eben ganz im Augenblick. Tatsächlich steckt im Einlassen auf den jeweiligen Moment eine unglaubliche Chance und der beste Ausweg aus Burn- und Bore-out und folglich Seeleninfarkt.
Auch wer ganz im One-night-stand aufgeht und sich dem Moment völlig ergibt, wird ein traumhaftes Liebesfest ernten, das nach mehr und nach Wiederholung verlangt, und daraus könnte eine himmlische Beziehung entstehen, die sich ganz auf den Augenblick verlässt. Wer jeden Tag so arbeitet, als sei es sein einziger und letzter, wird auch dabei verblüffende befreiende Erfahrungen machen. So zwingt uns die moderne Entwicklung in Arbeitswelt und Partnerschaft immer mehr in den Augenblick und wer diese Zeichen nicht erkennt, sondern sich vom Schicksal zwingen lässt, landet über Burn- und Bore-out oder Depression doch im Moment, wenn auch auf schrecklich unerlöste Art. Ungleich geschickter wäre es, sich ihm freiwillig zu ergeben. Das große Plus der Erfahrungen im Augenblick ist obendrein, dass sich im Hier und Jetzt auch oft wieder Sinn eröffnet.
Insofern sie Sinn stiften und in den Augenblick führen, kommen alle möglichen Meditationen und Übungen aus dem spirituellen Bereich zur Burn-out-Behandlung und Vorbeugung in Frage und sind dem Vorschlägen der Burn-out-Industrie weit überlegen, die mit Ruhe und Regeneration doch immer wieder nur für die Fortsetzung des Lebens an derselben Stelle, wo sich der Seeleninfarkt ereignete, fit machen wollen. Immer mehr vom Selben ist aber auch hier keine Lösung. Der bessere Weg führt in den Augenblick und zu Sinn und Vision. Insofern werden geführte Meditationen, verbundener Atem und Schattentherapie zu wundervollen Chancen.
Hinzu kommen Hilfen wie der Verzicht auf das „Essen" von Angst und Stress. Wir wissen heute aus zahlreichen Studien – wie in „Peace-Food" dargestellt – dass der Konsum von Tierprotein uns erheblich schadet und den schlimmsten Krankheitsbildern wie Herzinfarkt und Krebs, Vorschub leistet. Tiere, die in Todespanik mit ansehen müssen, wie Dutzende Artgenossen vor ihnen geschlachtet werden, sind randvoller Angst- und Stresshormone. Diese essen Allesesser regelmäßig mit. Vor der Einführung der Großschlachthöfe waren Panik-Attacken unbekannt. Aber es kommt noch schlimmer.

Von den 60 Millionen in Deutschland jährlich verspeisten Schweinen kommen 99 Prozent aus Tier-Zucht-Häusern, wo sie weder Sonne noch Wind erleben, sondern fünf Monate entsetzliche Qualen erleiden. Von Haus aus reinliche Tiere mit enormer Sensibilität – wer sonst kann Trüffeln unter der Erde riechen – werden sie gezwungen in drangvoller Enge in ihrem eigenen Kot zu vegetieren. Dabei werden sie entweder wahnsinnig oder apathisch und lethargisch. Hier sollte uns auffallen, dass ein Drittel unserer Bevölkerung im Laufe des Lebens einer Psychose und folglich dem Wahnsinn verfällt und immer mehr in Apathie und Lethargie enden, nämlich alle Burn- und Bore-out-Opfer und obendrein die Depressiven.
Dieser Zusammenhang ist zu offensichtlich, um länger übersehen zu werden. Insofern gehört eine vollwertige pflanzliche Ernährung auch zu Therapie und Vorbeugung des Seeleninfarktes.

1 Miriam Meckel – Brief an mein Leben, S. 40

portrait_dahlkeDr. med. Ruediger Dahlke
arbeitet seit 30 Jahren als Arzt und Seminarleiter, Autor und Trainer.
Er hat mit Büchern wie: Krankheit als Symbol, Das Schattenprinzip, Die Schicksalsgesetze – Spielregeln fürs Leben und Peace-Food eine ganzheitliche Psychosomatik begründet, die bis in mythische und spirituelle Dimensionen reicht. In Seminaren und auf Reisen führt er in die Welt der Seelenbilder und regt zu eigenverantwortlichem, auf Entwicklung zielenden Lebensstrategien an.
Informationen: www.dahlke.at und www.taman-ga.at

 

 

Foto Sonnenblume: Kwiatkowski Verlag

Portrait Ruediger Dahlke: Rita Fasel