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Grace-Pilgerschaft in Portugal

Den Traum von Mutter Erde erneuern!

Von Leila Dregger

Kreis der PilgerinnenVom 27. September bis zum 15. Oktober 2009 leitete Sabine Lichtenfels die vierte GRACE-Pilgerschaft – diesmal vom Steinkreis Almendres bei Évora zum Steinkreis in Tamera. Nach drei Pilgerschaften durch Krisengebiete in Israel-Palästina und Kolumbien sollte sie dieses Jahr in Europa stattfinden, um „tragende Kräfte Europas auf die ursprünglich humanen Quellen dieses Kontinents aufmerksam zu machen“. Die Pilgerschaft endete in Tamera mit der feierlichen Eröffnung des Testfeldes für ein SolarVillage am 16. bis 18. Oktober.

Die Pilgerinnen unterwegsWarum begibt man sich auf GRACE-Pilgerschaft durch ein friedliches Land? Was sind die Herausforderungen für die Versöhnungskraft Grace, wenn von außen kein Krieg und keine Gefahr drohen? Wenn es keine Mauern zwischen Völkern zu überwinden gibt?
Sabine Lichtenfels dazu: „Im Äußeren ist Europa kein Krisengebiet. Aber von Europa aus nahmen Krieg und Eroberung ihren Ausgang, und wenn wir Frieden in Kolumbien oder Palästina wollen, muss auch in Europa eine Erneuerung geschehen. Unsere Aufgabe auf der Pilgerschaft besteht darin, nach innen zu schauen und unsere eigene Mittäterschaft und Verantwortung am globalen Krieg zu erkennen. Wir werden uns auch mit den Kraftquellen der Erde verbinden, mit ihrem Traum, wie er uns hier, in Portugal entgegen tritt.“

leila_grace_010210-meditationDie Pilgerschaft beginnt mit 86 Menschen im Steinkreis Almendres mit einem Ritual und einem stillen Gebet. „Wofür pilgerst du?“ ist die Frage. Und als wir im Dunkeln, jeder eine kleine Kerze vor sich, im Steinkreis auf der Erde sitzen, kommt diese Frage sehr nahe. „Wofür möchte ich Verantwortung übernehmen – für die Heilung welchen Konfliktes, welches Traumas möchte ich gehen?“
Zur Erinnerung und Übung der Achtsamkeit nimmt jeder einen kleinen Stein auf, den wir während der Pilgerschaft bei uns bewahren sollen.

leila_grace_010210-wolkenseeDie ersten Tage wandern wir fast nur durch die Natur, durch abgelegene Korkeichenwälder und Weiden, machen Halt an Kapellen und Kraftorten, wandern an Ufern von Stauseen entlang, durch Reisfelder, übersteigen Zäune und rasten und meditieren in uralten Olivenwäldchen.
Jeden Morgen bei Sonnenaufgang und jeden Abend bei Sonnenuntergang wiederholen wir unser Gebet, gehen in intimen Austausch mit dem, was für jedeN von uns heilig ist, oder üben uns einfach für eine Viertelstunde in Achtsamkeit. Die meisten von uns stellen fest, wie schamhaft man wird, wenn es ums Beten geht.
Umarmung im KreisSabine Lichtenfels: „Gott ist nicht brav. Probiert euch aus, benutzt Tanz, Gesang, zeigt eure Freude durch Zelebration. Die Berührung mit dem Göttlichen entsteht dort, wo ihr euren authentischen Ausdruck findet.“

Wir schlafen in Wäldern und Gärten, später auch in Gemeindesälen oder auf Festbühnen. Die Wetterkräfte sind so freundlich, es nur dann regnen zu lassen, wenn wir ein Dach über dem Kopf haben. Die mitreisende Camp-Küche versorgt uns mit Mahlzeiten, deren Zutaten sie zum größten Teil in Biobauernhöfen der Region kauft. Das Grace-Media-Team begleitet uns mit Kameras und veröffentlicht fast täglich Fotos, Tagebücher in drei Sprachen und Videoclips auf einer Website: www.grace-pilgrimage.com

Die Pilger gehenUnsere Hauptbeschäftigung ist das Gehen. Die Pilger erfahren die Magie, die darin liegt, stundenlang in einer großen Gruppe schweigend durch eine unbekannte Landschaft zu wandern. Der Alltag bleibt zurück. Man ist mit sich – und der Welt. Das Trappeln von hundert Füßen wird zur Begleitmusik von Gedanken, die sehr lange darauf warteten, ans Licht des Bewusstseins zu treten. Kraftsätze und Fragen werden eingegeben, man geht zu zweit, und schnell berührt man im Gespräch große Tiefen.
In Gruppentreffen und geistigen Stunden werden die auftretenden Themen noch einmal in einem größeren, geschichtlichen oder gemeinschaftlichen Zusammenhang gesehen. Versöhnung zwischen Mutter und Tochter, Umgang mit Tod und Verabschiedung, Heilung von der Wut, Ausdruck von Liebeswünschen und Überwindung von inneren Widerständen im Gemeinschaftsleben sind die Themen, die aufkommen.
Manchmal machen sie sich durch Schmerzen beim Gehen bemerkbar, durch Blasen, Müdigkeit, Hunger oder Rückenprobleme oder aber durch immer wieder kehrende Gedankenmuster, die keine Ruhe geben, bis wir sie annehmen. „Ich habe nichts gegen das, was ist.“ Dieser Satz von Krishnamurti wird zu einem Kraftsatz. Akzeptanz einer Tatsache ist die Voraussetzung, um sie zu verändern.
leila_grace_010210-steintempelViele der Pilger kommen aus Tamera, andere aus Deutschland und der Schweiz, aus Israel, Palästina und eine sogar aus Indien: Vassamalli Kurtaz, die Vertreterin des Toda-Stammes aus den Nilgiri-Bergen. Mit ihren Augen sehend, verwandelt sich die Landschaft. Wir entdecken Zeichen und Symbole, an denen wir achtlos vorbei gegangen wären. Die heute noch lebende Kultur der Todas muss der, die einstmals Portugal bewohnte, sehr ähnlich gewesen sein: Es war eine geistig hochentwickelte Stammeskultur, deren Menschen mit der Natur kooperierten und ihren Platz in der großen Familie des Lebens, im Schöpfungsganzen kannten. In ihren Augen muss das ganze Land von Energielinien durchzogen gewesen sein, deren Knotenpunkte sie mit Steinsetzungen markierten. Sabine Lichtenfels schrieb ihr Buch „Traumsteine“ über diese Kultur. In Tamera schuf sie gemeinsam mit Marko Pogacnik einen modernen Steinkreis, inspiriert durch den Steinkreis von Almendres.
Pilgerruppe mit Sabine LichtenfelsDer Geomant Shmuel Shaul aus Israel: „An allen Ecken sehen wir Spuren einer sehr großen Vergangenheit. Es ist erstaunlich, wie wenig die Portugiesen selbst, bei aller Herzlichkeit, sich bewusst sind, aus welcher Geschichte sie kommen. Dabei könnte die ihnen so viel Kraft, Mut und Anregung geben.“
An mehreren solcher Steinsetzungen kommen wir vorbei, viele strahlen eine große Lebendigkeit aus, auch wenn die meisten nicht gepflegt, manchmal verdreckt sind oder auch als Teil einer christlichen Kapelle dienen. Vassamalli kennt solche Orte aus ihrem Stamm: „Hier trifft man sich, berührt die Erde und verbindet sich mit dem Heiligen. Von solchen Orten aus geben wir allen Tieren und Bergen ihren Namen.“

Dorfbewohnerin und PilgerDas Paradies ist überall. An einem alten Gutshof, zwischen Schrottplatz und Wald, begeht die Pilgergruppe einen Paradiestag. In einem Tempel der Liebe feiern wir die Schönheit der Welt durch Kunst, durch ein Fest der Sinnlichkeit, durch Gespräche in Frauen- und Männerrunden und in der Meditation. Wir lernen, dass das Paradies nicht allzu sehr von der äußeren Umgebung abhängt, sondern von uns, unserem Mut zur Wahrheit und unserer Bereitschaft, achtsam für die kleinen Dinge zu werden.
Wir pilgern weiter durch Grandola, ans Meer bei Mellides, durch die ergreifend schöne Dünenlandschaft von Santo André zum Industriegebiet nach Sines und dem Europahafen. Spätestens hier holt uns die moderne Welt ein, die Realität Portugals. In vielen Dörfern leben fast nur noch alte Menschen, da die jungen in die Städte abwandern. Wer wird in Zukunft noch da sein, um das Land zu pflegen und seine Lebendigkeit wahrzunehmen?
Grace-Plakat am RucksackMonokulturen von Eukalyptus und Pinien haben an vielen Orten die alte Vegetation verdrängt. Die Korkeichen im Umkreis von 60 km sterben, Kinder werden krank, weil die Petrochemie in Sines die Luft vergiftet.
Der große Europahafen bringt Containerladungen mit Billigwaren aus Asien und verschmutzt die Küste mit Öl. Wir sprechen mit Naturschützern, Bauern, ganz normalen Menschen. Sie kennen die Situation, beklagen sie, und halten sich merkwürdig still. Ist das noch das Portugal, wo vor 35 Jahren eine gewaltfreie Revolution in nur 18 Stunden die älteste Diktatur Europas hinwegfegte? Der Wahnsinn der Globalisierung hat das Land eingeholt.

Pilgerin aus Indien„Portugal träumt den Traum der Göttin. Aber die Menschen müssen aufwachen, um ihn zu verwirklichen. Die Pilgerschaft trägt auf ganz sanfte Weise dazu bei.“ Worte von Dieter Duhm, der die Pilgergruppe in Sines besuchte, um eine Rede zu halten.

Ab jetzt wenden wir uns dem Thema Zukunft zu: Wie sieht eine Zukunft ohne Krieg aus? Was sind Visionen für die Städte, Gemeinschaften, für die Ökologie und Technologien des Friedens? Es ist phantastisch, was geschieht, wenn man dem visionären Geist keine Grenzen setzt. Die Inspiration scheint auch den Füßen Flügeln zu verleihen, die Landschaft fliegt nur so vorbei. Das Meer als unser Begleiter für einige Tage unterstützt den Ruf nach Erweiterung, nach Auflösung aller Grenzen. Im Stillen fallen neue Entscheidungen, werden neue Lebenswege begonnen.
Ein Forum in einem kleinen Pinienwäldchen wird zur Bühne der Welt. Ein junger Mann erkennt seine Verstrickung in die Geschichte der Gewalt und bittet Mutter Erde um Verzeihung. Eine Frau findet nach Jahren die Worte, um den verstorbenen Vater zu verabschieden. Ein Mann aus einer sexualfeindlichen Gesellschaft wird sich seiner Angst vor Strafe für den Eros bewusst und bereitet eine neue Entscheidung vor. Sabine Lichtenfels versteht es, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen, in dem solche Offenbarungen möglich werden.
Landeinwärts, Richtung Odemira. Wunderschöne ursprüngliche Vegetation am Ufer der Mira, dann wieder Monokulturen. Das Land w artet auf unsere Entscheidung, die heilende Tat von entschlossenen Menschen. In Odemira führen die Kinder von Tamera noch einmal ihr Theaterstück „Der Schwarze Schatten“ auf, in portugiesischer Sprache. Das Theater der Distriktshauptstadt ist voll; Freunde und andere Bewohner Odemiras, Kinder und alte Leute sind gekommen und lassen sich von der kreativen Kraft der Kinder und ihrem Engagement für eine bessere Welt berühren.
Vassamalli sagt: „Für mich zeigt das Stück die kosmischen Kräfte, die den Kindern zu Hilfe kommen, um die Welt zu heilen. Es ist ein Stück der Heilung, vielen Dank.“

Sabine LichtenfelsAls die Pilger in Tamera ankommen, erwartet sie eine Überraschung: Eine der großen Tageszeitungen Portugals hat einen ganzseitigen Bericht veröffentlicht, zusammengestellt aus den Tagebüchern, die im Internet veröffentlicht waren. Auch die Testfeld-Eröffnung des SolarVillage am nächsten Tag stößt auf Medieninteresse aus ganz Portugal.

Die Pilgerschaft endet, wie sie begonnen hat, im Steinkreis. Zum Abschlussritual sitzen wir alle mit einer Kerze vor einem Stein, gehen noch einmal ins Gebet. Unsere kleinen Steine aus Almendres legen wir in die Mitte des Steinkreises von Tamera. Ganz im Zentrum liegt ein Stein, der mit dem Wort „Love“ bemalt ist. In diesem Moment ist dies kein Kitsch, sondern eine Erinnerung an die Tatsache, dass im Zentrum des Universums die Liebe ist und dass Liebe nichts ist, was ich bekomme oder nicht bekomme, sondern etwas, das wir in die Welt zu bringen haben.

Danke für die Pilgerschaft!
Danke an alle Gastgeber, die uns versorgten und beschenkten und auf ihren Grundstücken und in ihren Gärten schlafen ließen. Danke an die, die sich berühren ließen von unserer Berührung, an die, uns grüßten oder mit ihrer Neugier beschenkten.
Einen großen Dank an die Leitung der Pilgerschaft, Sabine Lichtenfels und ihr Team, und an das Organisationsteam um Klaus Wuttig und Meike Müller.
© Leila Dregger

© Fotos: Leila Dregger, Lasse Ehrich, Maria Soares

portrait_leilaLeila Dregger,
Ist Journalistin und Autorin.
Sie schreibt über Friedensprojekte und Friedensentwicklungen und lebt in Tamera, Portugal, und baut dort eine Schule für Friedensjournalismus auf.
werkstatt@snafu.de
Buch:
Ich bin noch nicht in Frieden – Auf den Spuren einer neuen Frauenkraft
Meiga Verlag, 2005