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Frieden ist ein Kinderspiel

Von Uwe Reisenauer

portrait_donaldsonO. Fred Donaldson, Ph. D., gilt als Spezialist zum Thema Spielen und genießt internationale Anerkennung für seine Spielforschung. Sein Buch „Von Herzen spielen“ wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. Sein Programm „Original Play“, verbessert das Körpergefühl und die Selbstachtung, dient der Prävention und Lösung von Gewalt. Es schafft optimale Bedingungen für Lernen, Kreativität und Entwicklung.

Eine Realschule im Süden Hamburgs. Ein 11-jähriger Junge hat einen schweren Metallhaken gefunden und schwingt ihn über dem Kopf seines Mitschülers, der vor ihm kniet. Als ich ihn bitte, mir den Haken zu geben, antwortet er: „Wir spielen doch nur.“ Wahrscheinlich hätte er nicht zugeschlagen, oder zumindest versucht, nicht zu treffen. Noch.
Szenenwechsel. Ich sitze auf der Matte in der Turnhalle einer Hamburger Grundschule, da kommt ein kleiner 5-jähriger Vorschul-Ninja-Kämpfer mit lautem Gebrüll auf mich zu gerannt. Er springt los …, und einen Augenblick später habe ich ein kleines Baby in den Armen, das sich anschmiegt. Was ist da geschehen? Der Moment der Berührung hat ihn verwandelt. Einige Male noch wiederholt er denselben Ablauf, dann balgen wir wieder wie junge Hunde auf den Matten umher. Der Meister hat meine Antwort akzeptiert, diese Prüfung ist bestanden.

Kinder spielen von Geburt an. Sie berühren, imitieren, erforschen – sie begegnen der Welt offen und ohne vorgefasste Meinung. Dieses ursprüngliche Spielen kennt keinen Wettbewerb, keine Gewinner oder Verlierer. Es ist gelebtes Vertrauen. Werden die Kinder älter, bringen wir Erwachsenen ihnen unsere „Spiel-Regeln“ bei, an die sie sich in der Gesellschaft zu halten haben, wenn sie erfolgreich, anerkannt oder geliebt werden wollen. Damit beginnt die Verwirrung. Zuwendung wird immer mehr abhängig von Gehorsam gegeben, und Macht kommt ins Spiel.
O. Fred Donaldson ist der Begründer von „Original Play“. Das wirkliche, ursprüngliche Spiel wieder bekannt zu machen und zu verbreiten ist seine Mission. Vor mehr als 30 Jahren gab er seine Karriere als Universitätsdozent auf, nachdem ein kleiner Junge ihn am Bein gezupft hatte, um ihn zum Spielen auf den Boden zu holen. Es war für ihn wie der Fall Alices in das Kaninchenloch. Tief berührt landete er im Wunderland des ursprünglichen Spiels. Als ehemaliger Sportler auf der Highschool wusste er wie man Wettbewerbe gewinnt, wie man als Professor erfolgreich ist, aber das Spielen, dem er nun begegnete war völlig anders. Alle Regeln, die er kannte, galten nicht mehr.
Sein Interesse war geweckt. Er kreierte für sich eine Stelle in einem Kindergarten als „spezieller Lehrer für Spiel“, die ihm die Möglichkeit gab, Tag für Tag mit kleinen Kindern zusammen auf dem Boden zu sein, ohne etwas lehren zu müssen, sondern selbst Lehrling zu sein. Und die Kinder weihten ihn in ihre Verschwörung ein, wie er gerne mit einem Augenzwinkern erklärt.
Die Kinder hielten drei Lektionen für ihn bereit:
  1. Berührung geschieht nicht zufällig. Berührungen folgen regelmäßigen Verläufen, die mit Grad von Vertrautheit zwischen den Spielgefährten einhergehen.
  2. In wirklichem Spiel gibt es keine Gewinner und Verlierer, keine Regeln und auch keine Revanche. Es entsteht aus dem Moment heraus, aus der Begegnung zweier Spielgefährten und ruht völlig im gegenwärtigen Moment. Es gibt kein Ziel außerhalb des Hier und Jetzt.
  3. Es ist auf den ersten Blick zu erkennen, ob jemand nur spielen will. Der Spiel-Blick signalisiert: „Du bist liebenswert. Es gibt nichts zu befürchten.“
Nachdem er mit Kindern unterschiedlichen Alters in verschiedenen Ländern der Erde stets dieselben Erfahrungen machte, weitete Donaldson seine Forschungen auch auf die Tierwelt aus. Er spielte 10 Jahre mit frei in einem Reservat lebenden Wölfen, mit Delfinen, Elchen, Bären, sogar mit Löwen. Stets fand er dasselbe verbindende Muster, das er „Original Play“, Ursprüngliches Spiel nannte. Es ist keine von Fred Donaldson erfundene neue Art des Spielens, es ist nach seinen Worten „ein Geschenk der Schöpfung für alles Lebendige“. Spiel ist der Urgrund des Seins, der alles Lebende verbindet und Begegnungen möglich macht, die weit über unsere kulturellen Vorstellungen hinausgehen.
In allen alten spirituellen Traditionen gibt es Hinweise auf die transformierende Macht einer annehmenden Grundhaltung, eines freundlichen, mitfühlenden Handelns in der Welt.
Die Dämonen, die den tibetischen Heiligen, in seiner Höhle in der Meditation stören und ängstigen, hören erst auf damit, als er sie einlädt, es sich bequem zu machen und sich wie zu Hause zu fühlen.
Jesus rät uns, die rechte Wange hinzuhalten, wenn wir auf die linke geschlagen werden und erklärt: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr das Himmelreich nicht erlangen.“ Laotse sagte: „Die Weisen hören und sehen wie kleine Kinder.“
Und Rabindranath Tagore schrieb: „Als ich Kind war, wurde auch Gott Kind mit mir, um mein Spielgefährte zu sein.“
Im Original Play wird diese alte Weisheit zur tagtäglichen Praxis des sich Einlassens, um von den Kindern zu lernen und sich ihrer Klarheit und ihrer liebevollen, vergebenden Präsenz anzunähern. Dadurch können auch wir Erwachsenen unsere ursprüngliche Offenheit wieder finden. Alle Kategorien und Erwachsenenrollen werden überflüssig. Wenn es uns gelingt, uns freudig der Situation zuzuwenden, den Spielgefährten zu begegnen und auf die Sprache des Herzens zu hören, ist dies sowohl für die Kinder als auch für uns Erwachsene eine große Bereicherung. Wir erleben Verbundenheit und Freundlichkeit.
Unsere westliche Kultur stellt für schwierige, konfliktreiche Situationen lediglich drei Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Fühlen wir uns stark, so kämpfen wir, um den Konflikt zu gewinnen. Die zweite Alternative ist Flucht, um der Niederlage zu entgehen. Können wir weder kämpfen noch fliehen, bleibt uns nur die Rolle als hilfloses Opfer.
Fred Donaldson zeigt eine vierte Alternative auf, wir können uns dem Gegenüber freundlich zuwenden und für unser beider Sicherheit sorgen. Wie eine junge Mutter. Sie war kurz davor, sich eine neue Wohnung zu suchen, weil der ständige Streit mit dem benachbarten Hundebesitzer sie zermürbte. Stattdessen backte sie einen Kuchen, stieg die Treppe zu ihm hinunter und sagte als er öffnete: „Ich will nicht mehr jeden Tag streiten.“ Der Mann fiel ihr buchstäblich um den Hals.
Wie oft sind wir im Alltag in unseren Gedanken und Gefühlen gefangen, die ausweglos erscheinen? Und wie oft könnte eine kleine Geste, eine Berührung, ein Loslassen von unseren eingefahrenen Sichtweisen die Situation verwandeln!

In seinen Vorträgen und Workshops zeigt Fred Donaldson ganz konkret, wie solche Gesten und Berührungen aussehen können. Einfache Übungen geben ein Gefühl davon, wie die Augen, der Kopf, die Hände, ja der ganze Körper benutzt werden können, um Freundlichkeit statt Konflikt auszusenden. Mit seiner Präsenz stellt er einen Raum zur Verfügung, in dem jede/r diesen Funken ursprünglichen Spiels in sich wieder entdecken kann, und die Freude und Leichtigkeit, die damit einhergeht.

Und er erzählt Geschichten von seinen Spielerfahrungen. Etwa vom Spielen mit Häftlingen in südafrikanischen Gefängnissen, wo anschließend auch die Wärter spielen lernen wollten, als sie sahen wie sicher Fred Donaldson sich unter den Häftlingen bewegte. Oder vom Spielen mit jugendlichen Gangmitgliedern in den USA, psychisch kranken Schülern in Polen, verschleierten Frauen und Priestern in Bahrain. In den workshops gibt Donaldson ein Gefühl, einen ersten Eindruck von der Vision und Reichweite von Original Play. Er lädt ein, selbst Spielgefährte zu werden.
Wirklich lernen kann man Original Play nach seinen Worten aber nur von den Experten, von kleinen Kindern, psychisch Kranken oder frei lebenden Tieren. Sie teilen nicht unsere gewohnte Realität und gesellschaftlichen Konventionen, sondern fordern uns auf ihre je eigene Weise auf, trennende Kategorien zu vergessen und uns vorbehaltlos einzulassen. Dann können wir neue Möglichkeiten entdecken.
Denn was aussieht wie schlichtes Herumtollen, Raufen, Jagen oder Kuscheln, birgt ein großes Geheimnis in sich: „Wir alle sind liebenswert. Es gibt nichts zu befürchten“.
Dieses Wissen verwandelt kleine Ninja-Kämpfer in friedliche Kinder, Wölfe und Bären zu Spielgefährten. Aber es kann nicht nur ein Gedanke sein. Es muss gefühltes, vertrautes Wissen sein. Deshalb spielt Fred Donaldson bis heute nicht mit Haien. „Denn wenn ich Angst bekomme, dann bin ich Frühstück.“ Auch das ist sicher.
„Original Play hat nichts damit zu tun, einfach nett zu sein.“ betont Fred Donaldson daher immer wieder. Es bedeutet, unterscheiden zu können und angemessen zu handeln. Darin liegt sein großer Wert für den Alltag, der einigen Menschen bereits das Leben gerettet hat. Und deshalb wird Fred Donaldson immer wieder gerufen, wenn an einer amerikanischen Schule die Gewalt eskaliert oder in Südafrika pubertierende Elefanten randalieren.
Original Play ist Prävention und Intervention: ein universaler Prozeß, der die Kraft ursprünglichen Spiels nutzt, um Gewalt und Aggression zu verwandeln und liebevolle Beziehungen zu unterstützen. Dies ist besonders für Eltern und Kinder wichtig, denn von dieser Beziehung hängt die Zukunft unseres Planeten ab. Können wir unseren Kindern die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Spiel und Kampf bewahren? Und können wir uns selbst diesem Zustand von Spiel wieder nähern, damit er unser Leben leiten kann?
Jedes Kind braucht einen Menschen, den es lieben kann und der es bedingungslos liebt. Denn wofür sind wir auf diese Welt gekommen: Um Liebe zu empfangen und Liebe zu geben. Damit eines Tages wirklich Frieden auf dieser Welt einkehren kann.

© Fotos: Uwe Reisenauer u. www.originalplay.eu


portrait_reisenauerUwe Reisenauer
geb. 21.3.1964 in Salzburg
verheiratet, zwei Töchter, geb. 1993 und 1999.
Ich hatte zunächst Industriekaufmann gelernt, fühlte mich aber mehr zur Arbeit mit Menschen hingezogen, worauf ich ein Studium begann:
1989 bis 1995 Studium der Erziehungswissenschaften in Berlin und Kassel mit Schwerpunkten in psychoanalytischer Theorie. Abschluss: Magister Artium über die psychische Entwicklung im ersten Lebensjahr.
1996 und 1997 Fortbildungen zum Leiter von Spielgruppen und PEKiP®-Gruppen.
Seit 1999 freiberuflich tätig in Hamburg an Elternschulen und für private Träger mit Eltern-Kind-Gruppen und Beratung
2001/2002 und 2004/2005 Fortbildungen beim Verein „Mit Kindern wachsen“ in Freiburg zur Pikler-Pädagogik, u.a. bei Anna Tardos.
2003 bis 2004 Fortbildung zum „Elternberater in der Familienbildung®“ bei der AGEF in Hamburg.
Seit 2004 schule ich mich bei O. Fred Donaldson im „Original Play®“
2007 Fortbildung zum Kursleiter des Elternkurses „Starke Eltern, Starke Kinder®“ beim Deutschen Kinderschutzbund in Hamburg.
2007 Mitwirkung am Film „Ein Leben beginnt - Babys Entwicklung verstehen und fördern“ der Deutschen Liga für das Kind
Seit 2008 Fortbildungen für Erzieherinnen in Krippen, Schulung von Familien-Paten für den Kinderschutzbund und die Ehlerding-Stiftung
www.spielraum-hamburg.de , www.originalplay.de
www.originalplay.eu (Angebote in Europa)