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Interview mit den Buch-Autoren
Andrea Przyklenk und Michael Brückner
Was jeder Einzelne in Sachen Datenschutz tun kann:
Aufklärung gegen den Röntgenblick von Staat und Privatwirtschaft
Von Raphael Mankau
Ob als Angestellter, als Inhaber eines Bankkontos, als Supermarkt-Kunde oder Internetnutzer – jeder einzelne Bürger ist von der staatlichen und privaten Datensammelwut betroffen, Fragen des Datenschutzes erhalten täglich neue Brisanz. Andrea Przyklenk und Michael Brückner, beide Wirtschaftspublizisten und Autoren des „Kursbuch Datenschutz“, sprechen über aktuelle Herausforderungen des Datenschutzes und Abwehrstrategien gegen den „Röntgenblick von Staat und Privatwirtschaft“.Seit den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 ist nichts mehr, wie es war. Welche Attacken auf den Datenschutz und die informationelle Selbstbestimmung haben seitdem stattgefunden?
Brückner: In erster Linie sind das umstrittene neue BKA-Gesetz und die sogenannte Vorratsdatenspeicherung zu nennen. Unter dem Deckmantel der Terrorbekämpfung wurde der „gläserne“ Bürger geschaffen, der für den Staat und seine Behörden ständig kontrollierbar ist. Niemand wird sich gegen gezielte Maßnahmen zur Terrorbekämpfung aussprechen, aber die neuen Bestimmungen des BKA-Gesetzes und die Datenspeicherung können jeden treffen, selbst den braven Bürger, der nur zufällig mit jemandem telefoniert, der unter Verdacht steht.
Daten, die sich der Staat unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung sichert, wird er auch anderweitig verwenden. Das Bankgeheimnis gibt es faktisch nicht mehr, und die Finanzämter haben jederzeit das Recht, anonym die Bankverbindungen der Bürger abzufragen. Ein entsprechender Anfangsverdacht ist schnell konstruiert.
Deutsche Bahn, LIDL, Telekom – die Liste privatwirtschaftlicher Datenskandale ist lang, immer neue namhafte Unternehmen geraten in die Schlagzeilen. Welche Möglichkeiten hat jeder, seine Privatsphäre vor unerwünschtem Zugriff zu schützen?
Przyklenk: Diese Skandale betreffen in erster Linie die Mitarbeiter bis hin zu den Betriebs- und Aufsichtsräten der betroffenen Unternehmen. Es wird Aufgabe geeigneter Gremien und der Geschäftsführungen sein, dafür zu sorgen, dass Bespitzelungen nicht zum Standard werden. Dazu bedarf es in erster Linie solider Unternehmenswerte, Transparenz und entsprechender Kontrollinstanzen. Unternehmen, die in erster Linie von Misstrauen geprägt sind, werden vermutlich immer wieder Gefahr laufen, in solche Skandale verwickelt zu werden. Die bespitzelten Mitarbeiter haben kaum eine Möglichkeit, sich zu wehren, solange solche Aktionen im Geheimen ablaufen. Die Gesetze laufen ins Leere, wenn sie mit krimineller Energie umgangen bzw. missachtet werden. Mitarbeiter können sich für eine gute Arbeitnehmervertretung engagieren, die dieses Thema im Auge behält und im Zweifelsfall reagiert.
Noch zu Beginn der achtziger Jahre stand die „Volkszählung“ als Inbegriff für die staatliche Datensammelwut. Wie schätzen Sie die tatsächliche Bedeutung der damaligen Debatte ein und von welcher Seite droht heute Übel?
Brückner: Die Bürger waren damals stärker sensibilisiert, heute werden Beschränkungen der informationellen Selbstbestimmung eher gleichgültig hingenommen. Das ist jedenfalls unser Eindruck. Dabei haben die Datensammler, ganz gleich, ob staatlich oder privat - heute dank der modernen Informationstechnologien ganz andere Möglichkeiten, gewonnene Erkenntnisse zu verknüpfen und höchst aussagekräftige Profile einzelner Bürger, beziehungsweise Verbraucher, abzuleiten. Vielleicht tragen die erwähnten Daten-Skandale dazu bei, die Sensibilität der Bürger wieder zu erhöhen. Es wäre angebracht und wünschenswert.
Die Europäische Union plant, den USA auch weiterhin den Zugriff auf europäische Finanzdaten zu gestatten, um die Terrorabwehr fortzusetzen. Was sagen Datenschützer zu diesen Plänen?
Brückner: Sie sind mit Recht entsetzt. Es kann nicht sein, dass sich die Europäer mit dem traditionell niedrigen Datenschutzniveau der US-Amerikaner abfinden. Leider wird diese Problematik immer nur ansatzweise in den Medien thematisiert. Viele Bankkunden wissen gar nicht, was sich zum Beispiel hinter der Organisation SWIFT verbirgt, und welche Stellen von Auslandsüberweisungen erfahren. Mit unserem Buch möchten wir einen kleinen Beitrag leisten, um den Bürgern die Augen zu öffnen und auf Risiken hinzuweisen. Wir finden es erschreckend, dass im Bundestagswahlkampf 2009 der Datenschutz so gut wie keine Rolle spielte.
Im „Kursbuch Datenschutz“ warnen Sie vor den Spuren, die Konsumenten beim Gebrauch von Kundenkarten und Rabattsystemen hinterlassen. Was steckt dahinter und wann gereicht hier der „Vorteil“ zum Nachteil?
Brückner: Daten sind kostbar. Und deshalb haben sich viele Unternehmen etwas Geniales ausgedacht, um möglichst billig an diese Daten heran zu kommen. Sie locken mit Rabattsystemen oder Kundenkarten. Der Verbraucher erhält ein paar Cent Rabatt – und lässt dafür seine gesamten Konsumgewohnheiten ausspionieren. Wir meinen, es geht niemanden etwas an, was wir wann zu welchem Preis gekauft haben. Vorteile sehen wir in diesem Zusammenhang keine. Niemand sollte seine Privatsphäre für ein paar Cent verkaufen.
Ein Leben ohne die Möglichkeiten des Internet scheint kaum mehr vorstellbar, doch die Unkontrollierbarkeit des World Wide Web bereitet auch viel Sorge. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der weltweiten Vernetzung?
Przyklenk: Die Chancen tragen gleichzeitig auch die Risiken in sich. Das World Wide Web ermöglicht seinen Nutzern den Zugriff auf eine nahezu unendliche Fülle an Informationen und Kontakten. Diese Möglichkeit kann natürlich auch missbraucht werden. Das heißt, wir sitzen falschen Informationen auf, verbreiten sie eventuell weiter oder geraten an Kontakte, die uns aus- und benutzen. Je mehr das Internet zu einem Pool wird, in den jeder seine Informationen oder Meinungen einspeisen kann, desto mehr ist die Verantwortung des Einzelnen gefragt. Wir sollten die Quellen für unsere Informationen sorgfältig prüfen und darauf achten, dass unsere Inhalte seriös sind, anderen nützen und niemandem schaden.
Dasselbe gilt für unsere virtuellen Kontakte. Wir sollten uns bewusst sein, dass das Internet zwar die Anonymität seiner Nutzer schützt, aber sie genauso gut schonungslos enthüllen kann. In jedem Fall sollten wir sparsam und verantwortungsbewusst mit unseren persönlichen Daten umgehen, besonders wenn es sich um sensible Daten wie Bank- und Kontodaten oder um persönliche Daten handelt.
Gerade Jugendliche scheinen in der virtuellen Welt oftmals mehr zuhause zu sein als im realen Leben. Wo lauern Gefahren für unsere Kinder und wie können wir sie davor schützen?
Przyklenk: Kinder sollten in Begleitung der Eltern an die virtuelle Welt herangeführt werden. Über die Gefahren, die dort lauern, sollten sie ebenso umfassend informiert werden wie über die Gefahren der realen Welt. Das anonyme Internet ist eine Spielwiese für Betrüger, Pädophile und radikale politische und religiöse Gruppierungen. Kinder müssen das wissen.
Auch mit Jugendlichen sollten Eltern immer wieder das Gespräch suchen. Die Heranwachsenden müssen wissen, dass das Internet nichts vergisst und dass ihnen die Fotos und Texte, die sie dort einstellen, noch Jahre später schaden können, zum Beispiel, wenn sie eine Ausbildungsstelle suchen. Eltern müssen ihre Kinder für die Verantwortung für ihre eigenen Daten, die ihrer Familie und Freunde sensibilisieren.
Es ist auch durchaus legitim, dass Eltern schützende Software installieren oder den Browserverlauf von Kindern und Jugendlichen überprüfen. Der beste Schutz ist das Vertrauensverhältnis zwischen Kindern und Eltern. Kinder müssen die Gewissheit haben, dass sie mit ihren Eltern über das, was sie in der virtuellen Welt erleben, sprechen können, ohne sich pauschale Verbote und Strafen einzuhandeln. Solange Kinder und Jugendliche vom heimischen PC aus ins Internet gehen, haben Eltern eine gewisse Kontrolle; wenn sie es woanders tun, nicht.
Außerdem sollte die Zeit, die Kinder und Jugendliche in der virtuellen Welt verbringen, klar begrenzt sein. Aktivitäten in der realen Welt dürfen darunter nicht leiden. Das Internet bietet inzwischen zahlreiche Seiten für Kinder und Jugendliche, auf denen sie sich sozusagen in einem geschützten Raum befinden. Eltern sollten solche Seiten kennen und sie ihren Kindern empfehlen.
Wikipedia, Facebook, Twitter ... jeder weiß alles, jeder kennt jeden und alles muss mitgeteilt werden. Wohin mag hier der Trend - aus Sicht des Datenschutzes, noch gehen?
Przyklenk: Datenschutz, der von denen, die geschützt werden sollen, nicht ernst genommen wird, ist zum Scheitern verurteilt. Für einen wirkungsvollen Datenschutz im Internet ist es notwendig, die Nutzer für das Thema zu interessieren. Ansonsten wird es immer neue Gesetze geben, die letztlich niemand ernst nimmt, die aber dazu führen, dass sich das Internet in das Gegenteil dessen verkehrt, was es sein sollte – nämlich ein weltweiter Verbund, der seinen Nutzern Zugang zu unzähligen Informationen und Kontakten verschafft, die ihr Leben bereichern. Polizei, Geheimdienste und staatliche Stellen haben schon damit begonnen, das Internet für ihre Zwecke zu nutzen.
Ebenso wie es seinen Nutzern nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bietet, hält es natürlich auch die Instrumente für engmaschige Kontrolle in einer bisher nicht gekannten Form bereit. Die Nutzer müssen sich das bewusst machen, sparsam mit ihren Daten umgehen und sich genau überlegen, was andere Menschen über sie sehen, lesen, hören und wissen sollen.
Michael BrücknerAndrea Przyklenk
Kursbuch Datenschutz
Der Ratgeber gegen den Röntgenblick
Die gefährlichsten Datenfallen
Die besten Abwehrstrategien
Mit Sonderteil
„Kinderdaten im Internet“!
Mankau Verlag, 1. Aufl. Okt. 2009
15,- € (D) Broschur, 285 S.
ISBN 978-3-938396-33-9
© Fotos, Cover und Text: Mankau Verlag GmbH
Tel.: 08841 - 62 77 69-0,
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