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zuther_quendelDer Quendel – Freyas Zauber-Rasen

Von Svenja Zuther

Der Quendel (Thymus pulegioides L.) ist eine wenig bekannte, heimische Heil- und Zauberpflanze. Die kleine Pflanze wächst kriechend über den Erdboden, nur die blühenden Stängel ragen fünf bis zehn cm hoch. Gerne bildet sie Polster oder mehr oder weniger große Teppiche, weshalb man auch vom Quendel- oder „Karwendelrasen spricht.
Von Mai bis August, wenn der Quendel blüht, bezaubert er mit seinen hübschen, zarten, rosa-lilafarbenen Lippenblüten. Er wächst wild an trockenen, steinigen und nährstoffarmen Orten und man kann ihn leicht im Garten kultivieren.


In der Pflanzenheilkunde kennt man heute eher den großen Bruder des Quendels, den sogenannten Echten Thymian, oder Gartenthymian (Thymus vulgaris L.). Er ist in den Felswüsten des Mittelmeergebietes zu Hause und kam erst im 11. Jh. zu uns. Daher nannte man ihn zunächst auch Römischen Quendel oder Spanisches Kudelkraut.

Quendel und Thymian besitzen stark wirksame ätherische Öle, Gerbstoffe und Flavonoide, wobei die Zusammensetzung der ätherischen Öle, unter den Arten und auch je nach Standort, stark variiert. Der Thymian ist in vielerlei Hinsicht stärker wirksam, doch hat der Quendel gerade auch dadurch, dass er eben sanfter ist, seine Stärken, die man beispielsweise gerne in der Kinderheilkunde nutzt. Beide Pflanzen wirken antibiotisch gegen Bakterien, Viren und Pilze, entzündungshemmend, auswurffördernd bei Husten mit festsitzendem Schleim, stärkend auf das Abwehrsystem und die Nerven, anregend auf die Verdauung, durchblutungsfördernd, entkrampfend und erwärmend, angstlösend, antriebsfördernd, tröstend und aufrichtend.
Sie werden vor allem bei Erkältungskrankheiten mit krampfartigem Husten eingesetzt, insbesondere dann, wenn es sich um „Erkältungen“ – im wahrsten Sinne des Wortes – auf allen Ebenen handelt. Dann braucht der Mensch nicht nur eine Unterstützung seines Immunsystems, sondern auch freundliche Wärme und Zuwendung.

Quendel und Thymian machen wach und geben Kraft, fördern Mut und Durchhaltevermögen. Sie werden auch als Stärkungsmittel verwendet bei Nervenschwäche und Erschöpfung sowie bei niedrigem Blutdruck. Eher selten nutzt man sie heute bei Verdauungsbeschwerden oder äußerlich in Form von Bädern oder Umschlägen bei rheumatischen Erkrankungen oder stumpfen Verletzungen.

Die kleinen genügsamen Pflanzen haben feurige Kräfte in sich, die wärmend, zerteilend und verteidigend wirken – gemäß der alten Signaturenlehre ein Ausdruck von Marskräften. Entsprechend galten sie unseren Vorfahren auch als antidämonische Pflanzen, als magisches Apotropäon, d.h. als Mittel für den Abwehrzauber. Man sah sie ausgestattet mit Zauberkraft gegen alles Unheil bringende, krankmachende und „böse“.

Vor allem der Quendel war von großer Bedeutung im heimischen Brauchtum. Man trug Quendel in der Geldbörse oder in einem Beutel am Gürtel, um sich vor Trollen, Wichteln und Hexen zu schützen und stattdesssen das Glück anzuziehen.

zuther_quendel2Eine beliebte Form des Schutzzaubers war es auch, Kränze aus Quendelkraut im Zimmer oder im Stall aufzuhängen. Der Quendel heißt daher auch Kränzel-, Kronel- oder Kunnelkraut. Kränze sind seit jeher von großer Bedeutung für naturverbundene Rituale. Sie gelten als Symbol für die Ewigkeit und die Wandlungskräfte der Natur; sie wurden verwendet, um gute Kräfte anzuziehen und negatvie Kräfte zu bannen, sowie als Geschenk, das Glück und Segen bringen sollte.

Mit ihrer Fülle an rosa-farbenen lieblichen Blüten sind Quendel und Thymian auch Pflanzen der Venus. Der Quendel war der germanischen Liebesgöttin Freya geweiht, der Thymian der griechischen Aphrodite und der römischen Venus. In den Aphrodite-Venus-Tempeln wurde neben Rosen auch Thymian geopfert.

Bei den heimischen Jahreskreisfesten wurden Blumenteppiche aus Quendel gelegt, die die Götter einladen sollten, sich nieder zu lassen und mitzufeiern. Es wird erzählt, dass zur Walpurgisnacht und bei den Maifeierlichkeiten, wenn die Wiederkehr der Lebenskräfte ausgelassen und lustvoll gefeiert wurde, auch Liebeslager für die Menschen aus blühendem Quendel bereitet wurden.

Im Zuge der Christianisierung wurde der Quendel zum Kraut der Heiligen Mutter Maria erklärt. Sie soll sich auf ihren Wanderungen auf einem Karwendelrasen ausgeruht und das Jesuskind auf Quendel gebettet haben. Man nannte den Quendel Jungfernzucht, weil Maria ihm eine besondere Kraft der Keuschheit, gegen die bösen Versuchungen des Teufels verliehen habe. Aus dem Quendel wurden Jungfernkränze gewunden, die anständige junge Mädchen vor die Fenster und Türen ihrer Schlafkammern hängten.

Es kursierten Sagen, dass der Teufel in Gestalt eines hübschen jungen Burschen fensterln käme und die Mädchen durch die Lüfte auf und davon führen.
Sehr unterschiedlich sind häufig die Überlieferungen über die Kräfte der Pflanzen!
Wenn wir die Pflanzen als solches, als Lebewesen mit ihren Eigenschaften und Fähigkeiten und ganzheitlich heilsamen Kräften kennen lernen wollen, liefern auch wissenschaftliche Erkenntnisse über Ökologie, Inhaltsstoffe und Pharmakologie nur Anhaltspunkte.

Welche Kräfte die Pflanzen im Zusammenleben mit uns Menschen haben, müssen wir wieder selbst entdecken – durch genaue Beobachtung und persönliche Begegnungen und Erfahrungen. Der Quendel ermöglicht uns eine besonders angenehme Form der Begegnung: wir können uns einfach auf seinem hübschen Teppich niederlassen, seinen würzigen Duft riechen, seine lieblichen Blüten schauen, dem Summen der Bienen lauschen, und das pflanzliche Kissen auf uns wirken lassen.

Ich spüre vor allem Entspannung. Mit dem Quendel ist es einfach, einfach zu sein und loszulassen. Ich fühle mich verbunden mit der Kraft der Liebe, die der Quendel voller Hingabe verkörpert. Ich bin dankbar für diese Erfahrung, für seine Schönheit und den leckeren Geschmack seiner kleinen Blättchen an meiner Spaghettisoße!

Freuen wir uns auf den Frühling und lassen wir es uns gut gehen in diesem Sommer – gemeinsam mit den zauberhaften Pflanzenkräften!

Fotos: Svenja Zuther

portrait_zutherSvenja Zuther
Dipl.-Biologin, Heilpraktikerin und Referentin mit dem Schwerpunkt ganzheitliche Pflanzenheilkunde, betreibt in Bohndorf bei Lüneburg die Naturheilpraxis und Seminarorganisation KUDRA NaturBewusstSein, leitet und organisiert Seminare zur Signaturenlehre und Pflanzenbegegnung sowie zu den schamanischen Wurzeln unserer europäischen Kultur und Heilkunde.

www.kudra.net