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Jesper Juul –

Beziehung statt Erziehung

Von Jessika Distelmeyer

portrait_juulJesper Juul, 1948 in Dänemark geboren, ist Lehrer, Gruppen-, Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor und einer der bedeutendsten Familientherapeuten unserer Zeit.


Jesper Juul gehört zu den großen Impulsgebern für eine Pädagogik der Zukunft. Er stärkt Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien und wirkt der Pathologisierung von Kindern und Jugendlichen entgegen.
„Das Schlüsselwort heißt Beziehung. Ihre Qualität entscheidet über unser Wohlbefinden und unsere Entwicklung als Mensch. Kinder werden mit allen wesentlichen menschlichen Qualitäten geboren und haben daher auch dieselbe Verletzlichkeit und Überlebensfähigkeit wie Erwachsene. Eltern zu sein bedeutet, eine Rolle im Leben einzunehmen, die uns vor große Herausforderungen stellt.“  Jesper Juul

Erziehung ist ein Entwicklungsprozess – auch für Eltern.
Anders als andere Erziehungsfachleute beschreibt Jesper Juul keine Defizite, kritisiert nicht Verhalten von Kindern oder Eltern und gibt auch keine Erziehungstipps. Jesper Juul will die Entwicklung von Eigenschaften unterstützen, die Eltern zu erfolgreichen Vorbildern für ihre Kinder machen.
Die Grundpfeiler erfolgreicher Erziehung sieht er in der aufrichtigen Kommunikation der Partnerinnen und Partner untereinander, der Bereitschaft, verantwortlich die Elternrolle zu übernehmen, der Fähigkeit, als Vorbild Kindern glaubwürdig Orientierung zu vermitteln und der Gleichwürdigkeit aller Familienmitglieder.

Die wichtigste Frage für jede Familie lautet:
Wie verwandeln wir liebevolle Gefühle in liebevolles Verhalten und wie gehen wir mit Konflikten um? Denn dass wir einander lieben, bedeutet nicht automatisch, dass wir auch gut miteinander auskommen.
In allen Familien entstehen Konflikte, die sich nicht im Handumdrehen lösen lassen, wie sehr wir uns auch lieben und wie gesprächsbereit wir auch sein mögen. Einige Konflikte wurzeln so tief in unserer individuellen Existenz, dass sie immer wieder aufbrechen und erst zehn oder zwanzig Jahre später gelöst werden können. Die Atmosphäre in der Familie hängt entscheidend davon ab, wie wir gerade mit solchen Konflikten umgehen.
Jesper Juul geht davon aus, dass ein Kind von Geburt an sozial und emotional ebenso kompetent ist, wie ein Erwachsener. Diese Kompetenz, die sich entsprechend der kindlichen Reife äußert, muss ihm nicht erst durch Erziehung, d.h. durch die Eltern oder durch Institutionen, beigebracht werden. Traditionelle Erziehung, so Juul, benutzt überwiegend verbale Strategien. Damit wird ignoriert, dass Kinder Verhalten durch Imitation lernen. Kinder müssen beobachten und experimentieren dürfen, dann fügen sie sich durch Nachahmung in die Kultur ein. So kooperieren Kinder.

Ein ständiger Strom von Ermahnungen und Erklärungen bewirkt, dass das Kind sich dumm fühlt oder falsch. Auch wenn der Umgangston eher freundlich und verständnisvoll ist, wird dennoch die Botschaft gesendet: „Du bist nicht gut genug“. Damit wird dem Selbstbild und der Selbstachtung des Kindes großer Schaden zugefügt. Ein Kind kann sich dagegen nicht wehren. Jedes auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen, so Juul, kann man auf zwei Ursachen zurückführen: Entweder haben Erwachsene die kindliche Integrität verletzt oder die Kinder haben überkooperiert. Überkooperieren bedeutet, dass die Kinder zum Teil unbewusst, das tun, was ihre Eltern wollen, und ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche aus den Augen verlieren.
Juul plädiert dafür, Kindern auf eine andere, neue und offene Art und Weise zu begegnen. Ihm geht es darum in erster Linie zu entdecken, ‚wer das Kind überhaupt ist‘ und erst im zweiten Schritt zu erklären, ‚warum es sich so verhält‘.
Um eine tragfähige Bindung und Beziehung zu Kindern und Jugendlichen herzustellen, ist die Konzentration auf kindliche Defizite und Störungen nicht hilfreich, sondern eher destruktiv.
Jesper Juul macht den Zusammenhang zwischen der frühen kindlichen Entwicklung und der sogenannten Pubertät deutlich. Für ihn ist die sogenannte „Trotzphase“, in der sich die Kinder ab dem 2. Lebensjahr befinden, ein Hinweis darauf, wie sie sich als Teenager fühlen und verhalten werden. Die sogenannte „Trotzphase“ gibt es laut Juul nicht. Für ihn sind es nicht in erster Linie die Kinder, die automatisch mit dem trotzigen Widerstand beginnen. Es ist die erste Autonomiebestrebung des Kindes, und die Frage ist, wie die Eltern und Erwachsenen auf diese reagieren. Sie sind es selbst, die zu trotzen anfangen, wenn das Kind seinen eigenen Willen entdeckt und auslebt. In der Pubertät ist es ähnlich. Die Kinder werden langsam zu Erwachsenen, werden noch autonomer und wie reagieren die Eltern und Erwachsenen? Das ist die entscheidende Frage.

„Was mit dem Kind / dem Jugendlichen und in der Familie passiert – ob es schön ist oder schrecklich – ist in erster Linie das Resultat der vergangenen, gemeinsamen Jahre. Das heißt nicht, dass Eltern „schuldig“ sind, wenn Kinder in der Pubertät alles Mögliche ausprobieren. Spätestens jetzt müssen sie aber die Verantwortung dafür übernehmen, dass der Umgang miteinander sich ändert. Damit meine ich, dass Mütter und Väter ihr eigenes Verhalten dem Kind gegenüber überdenken sollen, anders mit ihm reden, es weniger bevormunden.
Entscheidend dabei ist, dass Jugendliche ein Selbstwertgefühl haben, das es ihnen erlaubt, die eigenen Grenzen zu erkennen und nicht selbstzerstörerisch zu handeln. Ob sie das hinkriegen, entscheidet sich in den ersten zehn Jahren ihrer Erziehung. Eltern müssen die Fähigkeit und den Willen haben, ihren Kindern Freiräume zu gewähren, sie ernst zu nehmen. Nur dann wächst Eigenverantwortung. Unglücklicherweise verletzen immer noch eine Menge Eltern mit Maßnahmen wie Strafen, Befehlston, Liebesentzug die persönliche Integrität von Kindern. Auch wenn sie es tun, weil sie das Beste wollen – in der Pubertät ist »pay-back-time«“.
Jesper Juul

In der Pubertät haben Eltern und Jugendliche die wunderbare Möglichkeit, ihre Beziehung so zu verändern, dass das, was bisher nicht möglich war, möglich wird. Dabei liegt die Führung bei den Eltern. Führung bedeutet in diesem Fall, wie immer, wenn es um Führung geht, sich auf den anderen einzulassen, seine Sicht verstehen zu wollen, und nicht Befehl, Kontrolle, Gehorsam.

Fotos: Jessika Distelmeyer

portrait_juulJesper Juul
1948 in Dänemark geboren,
ist Lehrer, Gruppen-, Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor.
Er war bis 2004 Leiter des „Kempler Institute of Scandinavia“ in Odder, nahe Aarhus, das er 1979 gründete. 1972 schloss er sein Studium der Geschichte, Religionspädagogik und europäischen Geistesgeschichte ab. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und bildete sich in Holland und den USA bei Walter Kempler zum Familientherapeuten weiter.    
Jesper Juul entwickelte daraus eine eigenständige Therapie- und Beratungsform und gründete familylab – die Familienwerkstatt. Familylab ist eine unabhängige, internationale Organisation für Kurzzeitinterventionen, Beratung und Kompetenzentwicklung in Familien, Schulen, Einrichtungen und Unternehmen - handlungsorientiert und praxisnah.
Ziel der Arbeit ist es die Eltern und pädagogischen Fachkräfte bei der Suche nach neuen Wegen in der Erziehung und Begleitung von Kindern/Jugendlichen zu unterstützen.
Jesper Juul ist Autor von mehr als einem Dutzend Bücher, die in viele Sprachen übersetzt wurden. In Deutschland liegen, in verschiedenen Verlagen, bisher neun Übersetzungen seiner Titel vor und Neuausgaben.
Als sein Standardwerk gilt Das kompetente Kind. Für Lehrer und Erzieher ist erschienen: Vom Gehorsam zur Verantwortung. Was Familien trägt, Die kompetente Familie - das familylab-Buch und Nein aus Liebe und Pubertät - Wenn Erziehen nicht mehr geht gehören zu den Bestsellern.
www.jesperjuul.com www.familylab.de

portrait_distelmmeyerJessika Distelmeyer
Inhaberin des Fortbildungsinstituts „fortschritte Hamburg – Fortbildungen zur Stärkung von Kind und Familie“, Praxis für Psychotherapie und Coaching
www.Jessika-Distelmeyer.de
www.fortschritte-hamburg.de